Vor der langen Fahrt in die Berge des Kaukasus nach Stepantsminda lag noch ein gemütliches Frühstück im Hotel in Tbilisi. Ich sputete mich um in der Bäckerei frisches Brot zu holen. Der Bankomat hatte aber nur grosse Scheine ausgegeben, der Bäcker konnte so früh noch nicht herausgeben (ein Brot kostete 0,70 Lari oder 22 Cent). Also legte er mir die zwei Brote auf eine Plastiktüte und schenkte sie mir. Irgendwie fühlte sich das falsch an, und ich versuchte während des Frühstücks Kleingeld zu organisieren. Damit ging ich dann nochmal die 300 m zurück zum Bäcker, und gab ihm das Geld. Er freute sich sichtlich, dass ich nochmal gekommen war und vielleicht auch über das Geld, und ich fühlte mich besser.
Die Fahrt begann in strömendem Regen, wurde dann kurz sonnig und endete im ersten Schnee der Saison. Wir fuhren den Fluss Aragvi hinauf, an Stauseen vorbei und über Pässe (der höchste war Jvari mit 2395 m) Der Bergkamm auf der westlichen Talseite markiert die Grenze zu Süd-Ossetien, offiziell noch Teil Georgien aber mit Russland liiert. Den Zustand gibt es ja in etlichen Gebieten Europas …
Wir erreichten das schicke Hotel Rooms in Stepantsminda über holprige Kopfsteinpflastergassen. Gesehen haben wir nichts, Nebel und Schnee begrenzten unseren Horizont auf 200 Meter. Aber es war der erste Schnee der Saison, und wir freuten uns alle. Das Hotel liegt auf Höhe 1700 m, und für den Nachmittag stand eine dreistündige Wanderung zur sehr bekannten und durch viele Kriegs- und Religionswirren der Jahrhunderte erhaltene Bergkirche Troitskaya Tsertnoi (Dreifaltigkeitskirche) an. Wir trauten uns die 500 Höhenmeter noch zu, und so fuhren wir ein Stück an und begaben uns auf den steilen und nassen Pfad. Es war mühsam. Und als wir oben waren sahen wir keinerlei Panorama, nur immer noch Nebel und noch mehr Schnee. Aber auch eine sehr schöne Kapelle in Obhut von vier Klosterbrüdern.
Das hatten wir gebucht:
Und das sahen wir:
Die Kapelle ist im Hintergrund des Selfies (leider nicht) zu sehen.
Aussicht 😃 und Beschallung 😩 des Hotelzimmers waren erstklassig. Leider liess sich jedoch die Klimaanlage in keiner Weise bedienen, so dass sie die Betten durchgängig eiskalt anblies. Das Aufstehen fiel entsprechend schwer bei prä-arktischem Gegenwind.
Zum Frühstück fällt mir nur noch die wirklich gute Aussicht auf Burg und Fluss ein.
Wie verabredet begann die Tour um 09:30 Uhr mit einem Treffen in der Lobby, wir waren die letzten der rund 20 Deutschen dort. Zum Glück trennten sich die Gruppen dann in die „Weintour“ und die „Stadttour“, wo wir dann nurmehr 6+1 Teilnehmer waren, eine angenehme Gruppe. Unsere Führerin kommt aus Kassel und heisst Eka, und sie zeigte uns dann die Altstadt von Tbilisi, beginnend mit dem steilen Aufstieg zur Burg. Es hatte ein wenig geregnet, und der Basalt-Kopfstein war wirklich gefährlich glitschig. Nicht alle Autos bzw. Fahrer schafften es die 24% Steigung hoch!
Oben auf der Burg konnten wir die Stadt gut überblicken.
Wir sahen auch die wehrhafte „Mutter Georgiens“ aus der Nähe, sie war ja schon im Blogpost 761 nachts angestrahlt zu sehen. Sie ist wie die ähnliche Figur in Kiev mit dem Gesicht Richtung Moskau ausgerichtet, was sagt uns dann eigentlich das Schwert?
Die Abfahrt mit der Gondelbahn war wohltuend, leider kurz. Im Bild ist unser Hotelzimmer gelb markiert, die alte Caravansaray des Meidan ist von der Gondel gut zu sehen:
Der Verkehr speziell in der Altstadt und der zuführenden Metekkhi-Brücke ist eher heftig, ein (unbeabsichtigt aufgenommener) Zeitraffer von nur einer Sekunde Dauer bringt das auf den Punkt:
Wir sahen originale Fladenbrot-Bäckereien und ehemalige Patriarchen-Kirchen, Süssigkeiten, Tzereteli-Georgssäulen und den Metro-Wagon 11116.
Sehr eindrücklich war der Stop vor dem ehemaligen Präsidentenpalast (die jüngere Geschichte Georgiens ist turbulent, und wurde durch rasch wechselnde Politiker und Oligarchen geprägt; eine Schilderung hier wird vermieden). Dort vor dem Palast fand am 9. April 1989 eine Demonstration statt, die von Soldaten mit scharf geschliffenen Spaten blutig niedergeschlagen wurde. An den Stellen, an denen Demonstranten starben, wurden Glasplatten in das Strassenpflaster eingelassen.
Das kubische Denkmal links erinnert mit seinen verschränkten Armen an die Toten. Auch heute noch scheint der Platz für Demonstrationen genutzt zu werden, es findet dort gerade (vor Wahlen) ein Hungerstreik statt.
Etwas ganz anderes sahen wir ein paar Strassen weiter: ein Hausartikelladen „Mein Haus“ mit deutschem Krempel (aus China?). Die georgischen Schriftzeichen darüber lesen sich als „Tchibo“!
Und ganz zu Letzt Schlüsselanhänger mit georgischen Vornamen, falls jemand zufällig ein Kind zu benamen hat und noch Ideen sucht!
Ich habe gefragt: die Auswahl sei typisch, es wären nicht die übriggebliebenen Anhänger!
Für ein Essen sei das Restaurant „Pur-Pur“ am Park des Lado Gudiashvili in der Altstadt sehr empfohlen.
Es ist das Recht des ersten Abends in einem unbekannten Land, dass man der lokalen Küche huldigt. Keine Sorge, ich kenne die wahre Bedeutung des mittelalterlichen lateinischen Anspruchs wohl, werde ihn hier aber ganz anders interpretieren.
Unsee Hotelzimmer ist wohl eines der besseren des Hauses, direkt gegenüber den zentralen Denkmälern und dem Präsidentenpalast. Wir haben also beste Aussichten, bei Tag und Nacht:
Zum Essen am ersten Abend hatten wir also georgische Küche gewählt, und machten uns über den Marktplatz auf den kurzen Weg. Der Marktplatz „Old Meidan“ war (und ist es auch noch als ich dies schreibe!) eine massive Disko, Halligalli pur. Immerhin leiden nicht nur wir unter den Bässen, sondern auch namhafte Firmen.
Das Restaurant Sakhli #11 bot wirklich sehr gute Küche, frischen Kräuteralat und guten Wein. Und dazu ein Borjoli-Mineralwasser und Hausbrot mit Walnussöl zum Tunken … Wir konnten sogar noch (mit Jacken) draussen sitzen.
Der Heimweg durch dunkle, unwegsame Gassen war schon fast vertraut, zumindest nicht weit. Oberhalb zur rechten Hand sahen wir immer den Burghügel mit seinen Denkmälern.
Wer jemals dachte, die russische Einrichtung der knapp über dem Boden endenden Regen-Fallrohre wäre Blödsinn, der soll mal nach Tbilisi kommen! Hier wird er sehen, dass man das toppen kann: hier hören die Fallrohre direkt über dem Trottoir auf!!
Bei Regen weiss man dann wirklich nicht mehr, ob man mehr auf den Weg unten oder das Wasser von oben achten soll!
Die lang ersehnte und geplante Urlaubsreise nach Georgien hat begonnen. Wir erreichten mit gepackten Koffern (geringeres Gewicht als sonst) den Flughafen Domodedovo. Er hat in der Passagierfreundlichkeit etwas nachgelassen, seitdem der jahrelang unbekannte und anfangs sehr dynamische Eigentümer „enttarnt“ wurde: eine nichtige Brandstiftung wurde zum Anlass genommen den Eigentümer wegen Sicherheitsmängeln vor Gericht zu stellen - da musste er sich outen, denn die Alternative wäre Schliessung des Flughafens gewesen! Der Brandstifter konnte leider nie ermittelt werden. So geht‘s eben auch in Russland!
Apropos Sicherheit: wir passierten 5 verschiedene Schleusen bis wir den internationalen Bereich/Lounge erreichten:
- Zugangskontrolle zum Flughafengebäude mit Durchleuchtung Gepäck und Scanner,
- Passkontrolle beim Einchecken,
- Zugangskontrolle zur Personenkontrolle (mit Stempel),
- Handgepäckkontrolle mit Scanner,
- Passkontrolle.
Am Gate und beim Boarding wird die Identität noch zweimal geprüft werden. Die unbemerkten Gesichtskontrollen über CCTV habe ich nicht mitgezählt.
Naja, jetzt sitzen wir jedenfalls bei Wasser und Kartoffelbrei in der vollbesetzten Lounge, deren turbulente Stimmung mich etwas an ein All-Inclusive-Buffet in Antalya erinnert. VIP ist auch nicht mehr das was es mal war!
Wir werden fliegen mit Siberian Airlines S7, eine recht moderne und freundliche Linie. Bald kommt der Pusher auch für uns.
Das wohl grösste Einzel-Bauvorhaben für den Geburtstag der Stadt war die Wieder-Nutzbarmachung des jahrelang (seit 2006) brachliegenden Geländes des ehemaligen Hotel Rossiya neben der Basilius-Kathedrale. Bevor das Hotel mit 3000 Zimmern im Jahr 1967 hingeklotzt wurde, befand sich dort ein elender Slum bzw. Brache. Das Hotel Rossiya war bis 1990 das grösste Hotel der Welt, überholt wurde es vom Excalibur in Las Vegas.
Wir hatten den Baufortschritt aufmerksam verfolgt und immer mal wieder durch den Bauzaun gelinst. So sieht der Plan aus, mit russischen Landschaften (inklusive arktischem Eis!) und Konservatorium:
Gestern war also Eröffnung, und heute war ich bereit zur Besichtigung. Aber es wurde nichts draus, mein Spaziergang an der Moskva entlang war umsonst. Nur geladene Gäste waren zugelassen, mit zugewiesenem einstündigem Zeitfenster. Wie man zu einer solchen Einladungskarte kam weiss ich nicht. Es blieb mir nichts weiter übrig als nochmals durch einen Zaun zu linsen, um aber diesmal anderen Leuten bei der Erstbegehung der Aussichtsplattform zuzusehen.
Aber dort unten gibt es jetzt völlig neue Perspektiven, in sehr attraktiver Umgebung. Noch ist alles etwas neu und steril, aber das kann werden.
Ein Aktionskünstler (?) schneidet überall in der Stadt Augen in die Abdeckfolien für Häuser im Bau.
Heute ist die grosse, seit langem vorbereitete Gründungsfeier der Stadt Moskau, 870 Jahre wird sie alt. Ist eigentlich kein so extrem runder Geburtstag, aber weil morgen das Stadtparlament neu gewählt wird, feiert man eben die Feste wie sie (noch in die eigene Wahlperiode) fallen.
Die ganze Tverskaya bis zum Mayakovsky-Platz und Nebenstrassen waren grossräumig gesperrt, und es waren unglaublich viele Menschen da, offiziell 6,5 Millionen über den Tag verteilt. Ganz "zufällig" und entgegen der Wetterprognose schien wunderbare Sonne, wie immer bei grossen Moskauer Festen.
Die Polizei und OMON kontrollierten den Zugang und lenkten die Besucherströme wie immer gnadenlos zwischen all den Attraktionen.
Viel Wissenschaft und Medizin, Restaurants und Kultur, und besonders Weltraumtechnik zum Anfassen waren präsentiert. Das Sonnensystem ist leider nicht ganz massstabsgerecht, das hat aber möglicherweise nicht alle gekümmert. Und ein Rechenschieber war ausgestellt!
Natürlich war auch Presse und vor allem Fernsehen da, mal mit Sprecher und mal in der Vorbereitung (mit integrierter Ampel).
Und sogar eine schwarz-rot-goldene Figur stand da, allerdings eher zusammenhanglos.
Sehr gut angenommen wurden die Sitzgruppen mit Pflanzen, da konnte man gemütlich den Passanten zusehen - aus Kinderaugenperspektive!
Tja, es herbstelt in Moskau. Temperaturen am Tag von 12° bei Nieselregen sind schon recht frisch. Und dazu wird es auch schon spürbar früher dunkel. Alles in Allem: ungemütlich!
Das ist die Zeit der Amedisli, hochdeutsch Pulswärmer. Aber wie die Wörter Velo oder Konfi ist Amedisli ein fest verankerter Helvetismus im Familienjargon.
Gemäss des Schweizer Idiotikons kommt der Begriff (in regional unterschiedlicher Schreibweise) über Basel ("Ammedyysli") aus Frankreich, wo "amedis" eine Form enger Hemdärmel bedeuten soll. Den Ursprung hat das Wort wohl genommen aus dem Namen der Hauptfigur Amadis von Gallien einer 1684 uraufgeführten gleichnamigen Oper.
Nun trug ich heute auf dem Weg ins Büro meine wärmenden Amedisli, und sie wurden natürlich von Kolleginnen sofort entdeckt: "Was ist denn das?" Meine Erklärungen verpufften und wurden durch ein resolutes "Sowas haben wir nicht in Russland. Wir kennen nur Pelz!" sofort gebodigt.
Die dann gemeinsam erarbeitete (Wandtafel!) Transkription ins Russische schreibt sich übrigens амодислы.