20. Oktober 2014

West-Timchan

Samstag und Sonntag gab es kein Internet. Nicht im Hotel Beldersoy, nicht per Mobilfunk, garnichts gab's. Wir betäubten die entsetzlichen Entzugserscheinungen durch eine Wanderung mit dem lokalen Guide Ghalee. Er war sehr nett und kümmerte sich das ganze Wochenende um uns, im Auftrag des Reisebüros. Er konnte nur leider unsere Kondition nicht einschätzen und hatte für unseren Wunsch nach "a little bit of hiking in the mountain area" eine stundenlange wilde Tour über Stock, Stein und Wasser geplant. Wir vier überstanden sie mit recht wenig Blessuren, aber Ulrike empfing uns doch sehr erleichtert im Hotel. Vor allem die letzte Stunde in tiefer Dunkelheit am Bach lang und den Berg wieder hoch zum Hotel war für sie und uns anspruchsvoll. Aber wir fanden am Weg (was für ein "Weg"?) nicht nur verschiedenfarbige Bergpflaumen und Brombeeren, sondern auch wilden Cannabis!




Vom angeblich schweren Gewitter in der Nacht bekam ich nichts mit. Der schwere Regen heute morgen passte dann so gut zu meinem neuen Blog-Header, wie ausgesucht dafür! Blick aus dem Hotelzimmer:


Nach einem soliden Frühstück mit Orangennektar und vielen verschiedenen, unbekannten Milchprodukten holte uns Roshlan mit Minivan und Fahrer ab, zusammen mit Ghalee. Roshlan ist die "Nummer 2" eines Ammoniak-Werks in der Nähe, und er bezeichtnete meinen Kollegen aus der Ukraine als seinen "Meister". Dieser sein Meister hatte ihn geschickt und den Auftrag gegeben uns, uns heute zu unterhalten. Die Mission war sichtbar ein Opfer für ihn, er litt, denn er war mehr auf Eleganz denn Natur umd Regen grundeingestellt. 

Als erste Station fuhren wir zum Sessellift Chimgan, der nicht sehr lang aber gänsehauterzeugend hoch ist! Ich habe mich bergfahrend an meinen Rucksack geklammert, das half. Wir waren die einzigen Touristen, wurden aber anscheinend erwartet: als wir gingen, war der kleine Markt an der Talstation schon wieder fast weggeräumt. Wir wurden bei der Bergfahrt mehrfach photographiert, und hatten die Bilder 1 Minute später in der Hand. Oben war das Wetter rauh, Regen peitschte waagrecht die kleinen Wunschfähnchen. Wurde kein langer Aufenthalt ...



Die nächste Station war das Ufer des Stausees Chimgan. Der Damm wurde 1970 gebaut zur Regulierung der Wasservorräte im Land über die Jahreszeiten (Baumwolle braucht sehr viel Wasser), und natürlich auch als Kraftwerk. Erstellt wurde er in geschichteter Deichbauweise aus lockerer Schüttung mit eingelagerten Betonplatten, 700 Meter Tiefe im Fuss und 12 m an der Krone bei einer Wasserhöhe von maximal 100 m. Photographieren ist verboten, Autos dürfen noch nicht einmal anhalten an potentiellen Aussichtspunkten. Aber wir waren ja auch nur am Strand, Kieselstrand. Man beachte die Körpersprache:


Der kleine Ausflug mit dem Speedboat fing ganz harmlos an, obwohl vereinzelt Stimmen die Solidität des Bootes und/oder Qualifikation des Bootsführers anzweifelten. Sehr schnell jedoch schlug der Zweifel in Begeisterung um und die Fahrt entwickelte sich zu einem der emotionalen Höhepunkte des Tages. Der "Capitain" brachte das Boot auf gute Geschwindigkeit und fuhr direkt auf die Felswand gegenüber zu. Bei James Bond öffnet sich dann ja üblicherweise in letzter Sekunde ein Camouflage-Geheimtor, wir waren uns aber nicht so sicher ob uns James Bond heute als seine Gäste hier angemeldet hatte ...


Dann die Suche nach einer Toilette: Sie hätte auch von Homer in mehreren abenteuervollen Versen besungen werden können ...

Aber dann ging's zum Essen, im Heimatort von Roshlan, der jeden kannte. In original usbekischer Tradition sassen wir auf dem Hochtisch, die schuhlosen Füsse unter dem Tischtuch verborgen (dort unten steht im Winter ein Öfelchen). Es gab eine ganz leckere Kombination aus Salaten, Suppe, Fladenbrot, Spiessen, frittierten Kleinforellen, Cola, Tee und Wodka. Wir sassen über zwei Stunden zu Tisch, übten Toasts und ignorierten die Regengüsse. 


Der Guide konnte uns dann nicht mehr zu einer Tour motivieren, es ging zurück zu Hotel Beldersoy vorbei an Strand und Sessellift. 




Pappeln sind sehr beliebt im Land: es gibt die Tradition, anlässlich der Geburt eines Sohnes 40 Pappeln zu pflanzen, die dann bei seiner Hochzeit das Material für den Bau des eigenen Hauses bilden. 

18. Oktober 2014

Gerade noch geschafft!


Die Fahrt zum Flughafen zerrte an den Nerven. Wenn alles gut geht und die Strassen frei sind, dauert die Fahrt 35 Minuten. Ich plante gestern (Freitag!) 2 Stunden ein. Gedauert hat sie dann fast 3,5 Stunden! Ein Mega-Stau über fast 13 Kilometer (den man gut im Geschwindigkeitsprofil erkennen kann) kostete so viel Zeit, dass wir es gerade noch vor Schliessung des Check-In schafften die Koffer aufzugeben. Unser Fahrer war sehr hilfreich, und seine Idee die Landstrasse für die letzten Kilometer zu nehmen, war sehr gut, rettend! 
Wir schafften es also 2 Minuten vor Boarding zum Gate 20, trafen dort Rhea und Aaron auf der Kante der Bank im Transitbereich sitzend ("Snowden may have slept there") und stiegen ein. Überraschung: weil wir die letzten Einchecker waren, ganen sie uns im vollbesetzten Flieger zwei Plätze in der Business Class - Renja glaubt mir jetzt moch nicht, dass ich nur wegen des Gang/Fensterplatzes mit ihr tauschen wollte! Aeroflot schenkt in Business übrigens Bollinger-Champagner und Valser-Wasser aus. 
Die Einreise war zäh, viel Gedrängel und unübersichtliche Formulare auf Russisch (wir fanden nur ein einziges auf Englisch, aber jede musste 2 Exemplare ausfüllen). 
Nach seeehr kurzem Schlaf trafen sich die meisten von uns im Ballsaal zum üppigen Frühstück, danach ging es noch in den Park für einen kurzen Bummel. Aaron wurde sogar interviewt!










15. Oktober 2014

Moenus fluvius

Gestern war, im Vorgriff auf das dieses Jahr ausfallende Weihnachtsessen, ein pan-europäischer Besuch unseres Management-Teams im Städel in Frankfurt geplant. Montags ist dort eigentlich geschlossen, und so hatten wir bei unserer Abendführung sozusagen doppelt ungestörte Verhältnisse. In jedem Stockwerk wurden uns einige Bilder von der adligen Kunstsachverständigen sehr gut und knapp, aber mit Liebe zum interessanten Detail erklärt.
Der neue Raum "Moderne Kunst" im Souterrain ist toll gestaltet mit der transparenten Deckenkonstruktion. Hier schied sich auch die Kunstverständnis-Spreu vom Weizen unseres Teams.

Danach ging es noch direkt in die "Museums-Kantine" Holbein's, fein. Alein der rosé Begrüssungs-Champagner von Bollinger war's schon wert. Wir schlossen eine Wette ab, welchen Champagner denn James Bond (unser Held!) bevorzugt. Mein Tipp war Dom Perignon. Die Wette blieb pari, denn die beiden Marken wurden nahezu gleich oft als Produkte plaziert!

Heite abend dann mit Rhea am titelgebenden Main spaziert und am Marktplatz Höchst im Bären zu Abend gegessen. Unser Selfie sollte die Skyline im Hintergrund zeigen, die war aber trotz Chromatisierung des Bildes nicht sichtbar zu machen. 

12. Oktober 2014

Festival Nauki 2014

Heute haben wir mal was voll in Wissenschaft gemacht, ey-boah. 

Das Wissenschaftsfestival 2014 fand nämlich an diesem Wochenende statt. 4 Nobelpreisträger hielten Vorträge (die wir leider alle wegen zu späten Aufstehen heute verpassten, und gestern waren wir nicht an der Uni wegen Oktoberfest in der Deutschen Botschaft), und es wurde Live-Schaltungen mit dem CERN und der ISS geschaltet. Wir schafften es also nur zu den eher allgemeinwissenschaftlichen, kindgerechten Experimenten. Einmal wagten wir uns aber doch auch in den oberen Stock der voll mit Ständen ausstaffierten Uni-Bibliothek, wo etwas anspruchsvollere Themen behandelt wurden. Beliebt war natürlich flüssiger Stickstoff, der ja immer was hermacht:


Auch toll war die ganze Wanne voll gefärbter Maisstärke-Masse, in der ein Student herumstampfte:



Studenten sind für jeden Ulk zu haben! Setzen sich ja auch bei Hochzeitsfeiern Perücken auf.

Interessant war ein langes Gespräch mit den Preisträgern des all-russischen "CanSat"-Wettbewerbs. Dabei werden vorgegebene elektronische Bauteile in eine Alu-Dose gepackt (maximales Gesamtgewicht 350 Gramm), mit einer Standardrakete etwa 2 Kilometer hochgeschossen und sinken dann an einem Fallschirm zu Boden. Der "vollkommenste" Flug gewinnt, d.h. die beste Datenübertragung während des Flugs zur Bodenstation, Flugparabel und -dauer, etc. Uns wurde die Preisträgerin des 1. Platzes 2013 persönlich vorgestellt. Wir waren überhaupt die VIPs am CanSat-Stand: durch das Englisch stellten wir die sehr jungen Leute vor eine grosse Herausforderung, 5 Forscher kümmerten sich um uns, an Schluss mussten wir etwas ins Gästebuch eintragen, und unser gesamtes Gespräch wurde auf Video aufgezeichnet.

Ein besonderes Exponat war die originale Kapsel Sojus TMA-10M, mit der wohl 3 Kosmonauten im September 2013 zur ISS geflogen und wieder zurückgekommen sind. Ich kann nur sagen, dass ich freiwillig in dieses winzig-enge Ding nicht reingeklettert wäre (vom Fehlen der nötigen Gelenkigkeit mal ganz abgesehen!).

Sojus-Kapsel. Damit flogen 3 Kosmonauten 2013 zur ISS und zurück. 

Die Einstiegsluke zur Kapsel. Etwas eng, nicht wahr?
Im Hintergrund der Hauptbau der Lomonosow-Uni, Weltrang 169 der Universitäten.

Ein schönes Programm zur ansprechenden Gestaltung von Körpern, die Formel für "Zitrus" steht unten rechts.
Neben dem Poster stand ein riesiger Touchscreen, mit dem man eigene Formeln und Farben modellieren konnte.


11. Oktober 2014

Die Wolke vergisst nicht!

Viele Entwicklungen von Apple machen ja Sinn oder wenigstens das Leben leichter, was allerdings eindeutig nicht zutrifft auf den Photospeicher "Recently Deleted" ...





10. Oktober 2014

Ufa

Nein, das ist kein Kermit-der-Frosch-Deutschwort für "Ufer". Das ist eine Stadt zwei Zeitzonen östlich von Moskau, Hauptstadt der Republik Batschiristan (?). Dorthin bin ich heute für eine Tagesreise geflogen, um von Ufa dann noch eine Stunde weiter zu fahren in die Chemiestadt Sterlitamak. Dort haben wir einen Produktionspartner, mit dem wir gerne das Verhältnis ausbauen möchten. 
Sterlitamak ist ein alter Salzhafen, wurde aber auf Weisung Chruschtschovs in den 50er Jahren auf Chemie getrimmt: er hatte in den USA erkannt, das man mit Chemie eine Menge machen kann. 

Die Fahrt war mein erstes Überlanderlebnis auf einer rauhen "Autobahn", und es sah alles genau so aus wie auf den bekannten Dashcam-Videos. Nur dass heute weder Panzer kreuzten noch Laster umkippten. Aber alle Autos hatten Dashcams montiert ("Allzeit bereit!"), und Radarwarner. In Moskau siehst die kaum. 
Das besuchte Werk war tiptop und gut geführt. Es liegt im Areal eines Gewehrpulverwerks (wie in der Ukraine!) mit hohen Sicherheitsstandards. Photographieren streng verboten, Handys bitte abgeben. Unser Partner als Fabrikbesitzer traf uns also einige Meter vor dem Tor, nahm unser Gepäck und die Handys entgegen und fuhr mit ihnen unkontrolliert durch das 5 Meter hohe Metalltor. Derweil liefen wir zu Fuss durch die Metalldetektoren. Hinter dem Tor stiegen wir wieder in seinen Wagen und verteilten die Handys, um Photos zu machen. Während der Gespräche fiel mindestens 10 mal das Wort "Soviet" (oder synonym "alte Schule"), im Sinne dass damals alles besser war. 

Die Flüge mit S7 und UTAir sind ruhig, das Essen könnte jedoch ohne grossen Aufwand noch getoppt werden ("Orange juice? You might have an apple or a tomato juice!").

Mit grossem Vergnügen habe ich eben hier im Flieger historische Schwarzweiss-Bilder aus Uzbekistan vor 100 Jahren betrachtet, die App " PixUz" geht nämlich auch offline. Damals gab es noch keinen Asphalt vor den Prachtbauten, und russische Besucher mit Hut wurden noch als Exoten photographiert. 


5. Oktober 2014

Alles wird kälter.

Wenn ich in diesen Tagen nach Hause komme, dann ist es schon dunkel. Die Beleuchtung der Stadt um unsere Wohnung herum lässt die tiefen Wolken hell erscheinen, das gibt Ansichten mit dem Hang zum Drama:

Unsere Wohnung liegt im Haus rechts. Renjas Arbeitszimmer zeigt Licht.
Das Wetter wird kühler, die Temperaturen fallen nachts auf 5 Grad. Die regnerische Feuchte und der starke Wind lassen das Wetter kälter erscheinen. Beim Sonntagsspaziergang durch den Alexandergarten und über den Roten Platz hatte ich deshalb auch schon den dickeren Wintermantel über dem Pullover angezogen und sicherheitshalber auch ein Mützchen aufgesetzt:

Selfie auf dem Krasnoye Ploshad.

Man merkt aber überall, dass die Moskoviter sich auf den Winter vorbereiten. Das Herausrupfen der Trottoir-Pfosten hate ich schon erwähnt, das Verlegen bunter Lichterketten fängt jetzt an, die Überkleider werden molliger und die Schuhe haben Gummisohlen, und sogar (im Sommer sehr seltene) Kopfbedeckungen werden getragen. Die Leute aus Zentralasien tragen schon wollene Pudelmützen: Some like it hot!

Am Mittwoch waren wir auf der ersten Einladung, der Schweizer Wirtschaftsattaché hatte vier Paare eingeladen. Wir haben uns sehr gut mit dem Wirtschaftsexperten der holländischen Vertretung unterhalten und mit dem CEO von Novartis Russland. Wir hatten auch sicher den intensivsten Auftritt: Weil ich das Einladungsschreiben mit allen Details vergessen hatte, wussten wir die Hausnummer nicht mehr (9? 17? 25? Es war die 19!) sowie die Wohnungsnummer. Unsere daher erforderlichen zwei Anrufe beim Gastgeber verschafften uns sicher angemessene Erwartungshaltung bei den anderen Gästen!


824: „Muß di ni argern, dann geit di dat goot“

Sinnspruch an der Wand des Glücklichen Matthias : Darunter schmeckte uns Pannfisch und Schlemmerteller (nein, nicht der vom Horst!).  Danach...