11. Juli 2015

Piroggenbacken in Morshchikhinskiy

Der Zug war superpünktlich in Nyandomo, und viele Leute stiegen dort aus. Fast alle aus unserem Liegewagen, auch diese lustige Männerrunde zwei Abteile weiter. Der eine wollte sogar mit Ulrike ein Gespräch anfangen (dieser Charmeur!), biss da aber am frühen Morgen nach unruhiger Nacht auf Granit! Unseren Fahrer schüttelte ich dann erst mal ab, weil er sich nicht richtig vorgestellt hatte und ich ihn für einen aufdringlichen Taxifahrer hielt. Er korrigierte seine Vorstellung rasch, und wir stiegen in seinen Transporter. Die lustige Männerrunde wünschte uns noch "Good luck!", als sie mitbekamen, dass wir kaum Russisch verstanden ...


Die Fahrt nach Kargopol ging noch gut.  Wir lernten dort unseren Betreuer Evgeniy kennen, und eine andere Begleiterin, die im Transporter einfach so mitfuhr. Später stieg noch eine zweite Frau ein und fuhr mit, stieg aber dann irgendwo wieder aus. Evgeniy brachte zwischendurch seine Einkäufe nach Hause. Der Touristentransport dient hier in der Einöde wohl auch als Marshrutka!
In Kargopol drängte uns Evgeniy Pause zu machen und Pfannkuchen zu essen. Die lustige Männerrunde kam dann auch in das Kellerrestaurant, und kippte irgendwelche mitgebrachten Liköre zur bestellten Suppe. 
Hinter Kargopol hörte die Befestigung der Fernstrasse auf. Der Schotterweg war jedoch gut 10 Meter breit, und eignete sich durchaus prächtig für neue Geschwindigkeitsrekordversuche im Riesenslalom um die Schlaglöcher! Uns blieb da manchmal schon die Luft weg, wenn der Fahrer ein Schlagloch doch traf! Es war aber wenig los, auf 75 Kilometern der einzigen Fernstrasse der Region begegneten uns vielleicht 10 Autos. Und 5 Radfahrer. 




In Morshchikhinskiy regnete es in Strömen, als wir das leuchtend gelbe Touristenzentrum am Ufer des Sees sahen. Wir registrierten uns, und wurden in die benachbarte "Fischerhütte" geführt, die als Gästehaus dient. Sehr schön gemacht, alles in Holz, mit einer grossen Stube mit grossem Tisch für alle Gäste. Vieles erinnerte an das frühere Sausthal. Der kleine Sohn der Gastgeber fand sofort Gefallen an uns und versteckte unsere Zimmerschlüssel. Danach wollte er den Feuerlöscher auslösen. Das war vielleicht eine Gaudi!




Es gab Mittagessen, das sich (bis auf uns) alle Gäste selbst zubereiteten. Die Gastgeber hatten sich sogar einen "Fisch im Brotteig" gebacken, sah sehr gut aus. Sofort nach dem Mittagessen ging unser vorbereitetes Programm weiter: "Eco-Trail am See". Wir drei erschienen voll aufgebrezelt mit Regenmontur und festem Schuhwerk, gingen dann aber nur 30 Meter durch den Regen in das Gästezentrum gegenüber in das dortige Park-Museum. Für die Exponate (und die anderen Gäste) waren wir klar over-dressed! Das Museum war schön gemacht, und manche Erklärung verstanden wir sogar. Ein paar mal half uns sogar die zehnjährige Tochter eines anderen Gastes in tadellosem Englisch. Wir lernten sogar, dass die astrologischen Sternzeichen im orthodoxen Kalender sich auf volle Monate bezogen!




Danach ging es weiter in ein schön hergerichtetes Privathaus 100 m entfernt, hinter dem Wäldchen. Dort bereiteten wir unter Anleitung einer Babushka eine Unmenge Piroggen zu, zuckergefüllt und mächtig. Als wir sie in der Pfanne ausgebacken hatten, mussten wir sie selbstverständlich natürlich auch probieren. Sie schmeckten vorzüglich, aber unsere Instruktorin war sehr enttäuscht von unserer Essleistung. Wir selber fanden die persönliche Kalorienzufuhr für heute schon rekordverdächtig, und das noch vor dem Abendessen mit frischen Seefischen (ich höre sie schon in der Pfanne brutzeln!) und eingelegten Waldpilzen. 




Hilfe, jetzt muss ich mich aber dringend  gegen die Mücken eincremen gehen!

9. Juli 2015

Nachtfahrt nach Nyandoma

Alle waren sehr aufgeregt. Das Packen war anspruchsvoll, mit strategischen Fragen durchsetzt: Winterjacke? Gummistiefel? Gibt es dort Zahnpasta? Aber der Zug ging um 19:50 Uhr, also mussten die Koffer doch irgendwie gepackt werden?
Nikolai brachte uns zuverlässig mit dem Bulli durch den (sommerlich schwachen) Berufsverkehrzum Yaroslawer Bahnhof. Der liegt gleich neben dem Leningrader und dem Kazaner Bahnhof, da Moskau ja nur Kopfbahnhöfe hat. Wir hatten reichlich Zeit,  und konnten die Rekruten beim Einsteigen betrachten. Renja fand die zwei kleinen Rekruten (sie waren wirklich winzig! U-Boot?) ganz süss. 


Auf Gleis 1 stand unser Zug 316. Wir fanden Wagon 7 ohne Probleme, und zeigten unseren Pass der goldzähnigen Wagonbetreuerin. Das Abteil war blitzblank (ok, so wie Züge halt blitzblank sein können), und funktional einwandfrei. Die Leselampen gingen zunächst nicht, schalteten sich aber später, so um Drei am Morgen, selbständig ein. Mit Verlassen der Stadtgrenze Moskaus zerfiel auch das Internet. 


Somit konnten wir nur noch Essen oder Schlafen. Die Agentur hatte uns gesagt, dass man sich sein Essen mitbringen solle, und wir assen mit Appetit Ulrikes Schnittchen und Schokolade als Dessert. Und dann stellte uns unsere Betreuerin doch tatsächlich für jedes gebuchte Bett im Abteil (4) eine warme Mahlzeit hin: Huhn mit Nudeln und einem trockenen Brötchen! Ich "organisierte" noch zwei Dosen Bier, die aus unerfindlichem Grund in einer Plastiktüte heimlich gebracht wurden. Das war ein Trinkgeld wert!
Die Nacht war "geschüttelt, nicht gerührt", allerdings auf gutem Niveau. Der Zug ist gut gefedert und fuhr ruhig. 


Lästig war der Halt an einer Baustelle un 05:47 Uhr, denn die Baustelle war mit einem Piepssignal gesichert, das uns alle wach bekam (nicht schwierig heute!). 
Trotzdem "schliefen" wir bis mein richtiger Wecker um halb Acht klingelte. Das Wagon-Bad war sauber, das erste Mal, dass ich zB Feuchttücher in einer Zugtoilette fand! Zum Frühstück gab es Tee aus dem Steampunk-Samowar. 

Überhaupt ist mein Eindruck von der ersten Bahnfahrt in Russland doch recht positiv. Und für die Rückfahrt wissen wir auch, wie wir die unteren Betten verbreitern können (habe ich nämlich heute morgen im Nachbarabteil abgeschaut!)

5. Juli 2015

Hyperrealisten


Heute, Sonntags, war wieder Kulturtag. Es ging in die riesige Neue Tretyakov-Galerie gegenüber dem Gorki-Park (siehe Bild oben). Wir besuchten die zwei Sonderausstelllungen zu Bildern des Sieges im 2. Weltkrieg, und zu den russischen Hyperrealisten. 
Bilder aus Kriegszeiten werden ja leicht programmatisch und überhöhend. Helden werden unfehlbar und überlebensgross dargestellt, und die Bösen erkennt man auf den ersten Blick. Apropos Böse: Es gab ein Bild mit dem Titel "Hitler während der letzten Tage im unterirdischen Reichsbunker". Es war unschwer zu erkennen, dass jetzt das Ende eines Verrückten am. Siegesbilder sind ja oft auch sehr grossformatig, das macht die Ausstellungen dann übersichtlich. Aber trotzdem sehenswert. 

Die Hyperrealisten Russlands sind eine kleine Gruppe Künstler der 70er und frühen 80er Jahre, die viel mit Adaptationen klassischer Elemente auf moderne Zeiten arbeiteten, und dazu unter anderem photorealistische Techniken anwandten. Sie machten aber auch politische Arbeiten; in einem Antikriegs-Zeichentrickfilm wurde zB den Generälen des Phantasiestaates die Gesichter von Yul Brynner und Ringo Starr verliehen, um etwaigen Missverständnissen vorzubeugen.

Danach kauften wir noch - ohne mit der Wimper zu zucken - in einer französisch orientierten Bäckerei Baissier und gefüllte Croissants. Die Preise hätten uns in jedem anderen Land sofort wieder gehen lassen! Nicht in Moskau!

Chemietechniker unter sich:


Selbstportrait mit Freunden:


Das iPhone erkennt auch Gesichter auf Ölbildern, aber nicht das eine realistisch gemalte Gesicht:


Wir verstanden sogar die Titel!:


 Und auf der Heimfahrt sassen wir in einem neu hergerichteten Salonwagen der Metro, mit richtigen Lampen, Ledersitzen mit Sprungfedern, und gelber Strukturtapete mit Elektro-Motiven:


21. Juni 2015

Potpourri

Es ist schon einiges passiert in den letzten Tagen, erwähnen möchte ich hier aber nur drei Erlebnisse.

Erstens ist mir mein letzter Weisheitszahn (!), die Nummer 48 in meinem Zahnschema, unrettbar zerbrochen, während ich einen mehligen Apfel kaute. Dies führte zu einem kurzfristig angesetzten Arztbesuch in der hochmodernen Zahnklinik, die in der gesamten Anlage auf dem gleichen Stockwerk wie die Mammographie lag. Ich war entsprechend am Samstag morgens das einzige männliche Wesen dort!

Aber die dreidimensionale, hochauflösende CT-Aufnahme des Kiefers ist Spitze, sie gaben mir meine Datei plus Viewer mit. Es ist wirklich interessant daheim in Ruhe die Knochenstruktur seines Gesichts und des Kiefers inklusive der durch Bundeswehrärzte ramponierten Kieferhöhlen zu erforschen.

Zweitens habe ich den ersten Shot in der Dashcam, der es wert ist mitgeteilt zu werden. Am gleichen Samstag Morgen um Neun waren nämlich noch viiiiele Partygäste unterwegs, die Strassencafes des Prospekt Mira waren gut gefüllt mit Leuten im schwarzen Smoking, etc. Und vor dem weltberühmten Cafe Pushkin wurde eine Dame der Einfachheit halber für den Heimtransport in den Gepäckraum des geräumigen G-Mercedes eingeladen. Seht selbst:


Drittens war ich Freitag Abend von einem per Mail bekannten Angehörigen der Russischen Botschaft in der Schweiz zum Essen eingeladen: "Wir treffen uns um Sieben vor dem Aussenministerium und fahren dann mit dem Auto zum Essen." Es gab ein Thema, das wir im Februar einmal kurz angerissen hatten (auf Wunsch unseres Vorstandes), er konnte dann zu einem Treffen nicht erscheinen, und ich dachte mir nichts Böses, als er nun nach einer Weile wieder an den Faden anknüpfen wollte. Die Begrüssung war freundlich. Stutzig wurde ich, als es sich bei dem "Auto" um einen S63 V8 Biturbo AMG-Mercedes handelte - das schien mir etwas gross für einen Botschaftsattache! Im Auto dann wurden mir zwei andere Herren auf den Vordersitzen vorgestellt: "Ich habe noch meine beiden Freunde Igor und Anton mitgebracht, sie sprechen leider nicht Deutsch, aber können uns sicher beim Verhandeln helfen".
Vielleicht habe ich ja Vorurteile. Oder zu viele böse Russen in amerikanischen Filmen gesehen, was weiss ich. Aber diese Formulierung war einfach zu viel Cliché! Noch schlimmer wurde es, als ich Anton, den Besitzer des Kleinwagens, auf dem Parkplatz des Nobelrestaurants draussen im Wald an der Moskva aussteigen sah: Offenes Hemd bis zur Brust (oh, so viel Haar!) - und violette Krokoleder-Schuhe! Wirklich!
Ich kämpfte den ganzen Abend gegen meine Vorurteile an, es war und ist eine schwierige Situation.

18. Juni 2015

BMW und Audi in der Bryusov



Hier seht ihr einen BMW "Ghost II" und einen Vorjahres-Audi Aventador friedlich hintereinander in der nahen Bryusov-Gasse stehen. Kurz vor dem Photo parkte vor dem Rolls-Royce ein Porsche - da stand es noch 2:1 für Volkswagen! Was ist das nur für ein Name!

Hier war früher der Imbiss "Meat Point", aber dessen Bude wurde ja leider abgerissen. Für Parkplätze eben, mit besonderen Fahrern. 

12. Juni 2015

Dyen Rossiya 2015, und yakutisches Mas-Wrestling

Also eigentlich wusste gestern im Büro nur eine einzige Mitarbeiterin was am heutigen "Tag Russlands" denn überhaupt gefeiert wird: die Deklaration der staatlichen Unabhängigkeit Russlands im Jahre 1990. Die anderen Kollegen nuschelten etwas von "Sieg über die Polen", nannten wilde Jahreszahlen wie "1212",  oder hatten keine Idee. Hauptsache arbeitsfrei! Es wusste auch niemand was heute wo in der Hauptstadt läuft, begleitet mit Hinweisen auf dieses Internet (davon sprechen ja in den letzten Jahren immer mehr Menschen, selbst im Fernsehen!).

Wir wussten allerdings schon aus eigener Erfahrung, dass der Rote Platz für drei Tage voll gesperrt wurde, die alten schmiedeeisernen Tore sind alle geschlossen. Da hatten wir schon davor gestanden, als wir Neubesucher Max abends noch herumführten. Dafür haben wir nachts andere schöne Sachen gesehen. 



Heute war also arbeitsfrei, und wir gingen zu Dritt in den Kolomenskaya-Park. Mit der Metro fuhren wir zur Station Kazhirskaya, und gingen zuerst über die Strasse in die Markthalle, zu meinem Lieblings-Azerbeidschaner. Wir kauften wunderbare Tomaten mehrerer Sorten, und die ersten Kirschen (leider war kein Photobeweis der Früchte mehr möglich - es ging dann auf einmal alles so schnell!).


 


Der Spaziergang durch den Park war sonnig, und stellenweise sehr, sehr steil (vor allem dort, wo wir den waldigen Hang zur Moskva hinunterrutschten, nur um ganz unten vor einem unpassierbaren Sumpfgelände zu landen! Es gab nur einen Weg zurück ...). Im üblichen Halligalli-Gebiet des  Parks nahe der Station Kolomenskaya jedoch, da war was los. Die ostsibirische Region Yakutien zeigte hier und heute Leute, Kultur, und Sport. Yakutien liegt 6-7 Zeitzonen östlich von Moskau, noch deutlich weiter als Shanghai. Yakutsk selber ist die kälteste Grosstadt der Welt, gebaut auf Permafrost-Boden; Durchschnittstemperatur im Winter ist -34 Grad (winterliche und sommerliche Temperaturrekorde waren -64 und +38). Auf der Bühne wurde geschmeidig getanzt zu den Klängen eines yakutischen Orchesters (in Tracht, und mit elektronischen Violinen), und es gab einen Schönheitswettbewerb mit 10 Teilnehmerinnen und echter Jury. Wir sahen die Kandidatinnen  in Tracht mit anmutigen Bewegungen bei der Vorstellung, den Bikini-Auftritt vermieden wir dann lieber!

Es gab auch einen yakutischen Schuster. Und einen Maultrommel-Hersteller!



Dann wurden wir durch lautes Gejohle von Grasplatz abgelenkt und entdeckten eine uns neue Sportart: Mas-Wrestling. Ganz toll, für Männer, Frauen und Kinder, aber schwer zu beschreiben. Der Sport kam 2003 von Eskimos, und wurde 2011 in die internationale Strongman-Auswahl aufgenommen. Organisiert wird alles von der IMWF, der International Mas Wrestling Federation. Und heute fand das All-Russische Mas-Wrestling Championat 2015 statt. Seht selbst den Kampf von Elena (blond) mit einer leider unbenannten Gegnerin, und vom 2-Meter-Hünen Victor Kolibabchuk (rechts) mit Anatoli Shmederov.

7. Juni 2015

Formula E auf dem Roten Platz

Die Uferstrasse an der Moskva und der ganze Bereich rund um die Basilius-Kathedrale waren gesperrt, und mit weissen Zelten oder Tribünen bedeckt. 


Der ganze Rennzirkus fand aus Effizienzgründen an einem einzigen Tag statt. In zehn Stadtzentren der Welt summen die Elektroautos über den Asphalt, vor Moskau in Berlin und dann in drei Wochen zum Abschluss in London. 10 Rennställe halten sich je zwei der ansonsten für alle Teams identischen Rennwagen und einige Fahrer. Bei den Rennen kommt es einzig auf das fahrerische Können an, die Wagen müssen sogar getauscht werden! Das Geräusch ist natürlich ganz anders als bei Benzinern, eigentlich hört man nur ein mikrophonisches Sirren der Wechselstrom-Motoren. Aber alle Teams geben sich viel Mühe der Formel 1 nachzueifern, wenn es auch manchmal noch an manchen Details fehlt. Zum Beispiel am Sponsorengeld! Aber nicht an den Hostessen:


Wir hatten super Plätze auf der VIP-Tribüne A1, direkt an der Schnellen Kurve in die Uferstrasse und dem Ausgang aus der Boxengasse. Im Bild fährt gerade mein Favoritenteam von Audi Abt aus Kempten. Ulrike feuerte das Team Trulli an. 



Es gab auch ein Pausenprogramm, in dem wir leider wohl unsere VIP-Privilegien unterschätzten und den Besuch in der Boxengasse verpassten. 




http://www.youtube.com/watch?v=V4gVpOJjbzg

Und, wer hat's gewonnen? Die Schweizer! Auf dem dritten Platz, hinter zwei Brasilianern! So wehte gestern über den Roten Platz die Schweizer Fahne und die Hymne schepperte etwas blechern aus den Lautsprechern. 



Wir nummelten dann durch die Stadt zum Restaurant "Kamchatka" und assen Beefburger zum grossen Zhiguli-Bier. 



Das Menü zur Auswahl:


824: „Muß di ni argern, dann geit di dat goot“

Sinnspruch an der Wand des Glücklichen Matthias : Darunter schmeckte uns Pannfisch und Schlemmerteller (nein, nicht der vom Horst!).  Danach...