28. August 2017

756. Remote Moscow

"Remote Moscow" entführte uns heute für 100 Minuten in ein ganz anderes Russland. Nicht geographisch (obwohl wir auch tolle Hinterhöfe entdeckten und dort Basketball spielten), sondern in ganz anderes Verhalten. 

Das Angebot "Remote ..." wurde von Fiodor Elutin in Avignon entwickelt und von Rimini Protokoll vermarktet, mit Förderung durch pro Helvetia und Goethe Institut. 
http://www.rimini-protokoll.de/website/en/project/remote-x

Kurzgefasst setzt "Remote Moscow" einer Gruppe von etwa 50 Menschen schalldichte Kopfhörer auf und führt die Gruppe mit Anweisungen, Fragen und Hinweisen "ferngesteuert" durch die Stadt. Da läuft jeder für sich,  man zwinkert sich höchstens mal zu. Und die Anweisungen sind sehr präzise, bis hin zum Überqueren von Ampeln ("The light will change in 20 seconds, please move quickly because you will only have 15 seconds to cross the road").

Die Tour begann auf einem Friedhof im Norden, mit der Beschäftigung mit einem selbst ausgesuchten Grabstein: "Did the person in the grave decay already? Did she live longer than you think you will ever live? Look into the sky, may she be sitting on one of the clouds?" Natürlich guckte man dann nach oben und dachte kurz über das Konzept des Himmels nach. 



Wir gingen weiter zum Eingang einer Markthalle und wurden gegenüber platziert, als ob der Eingang eine Bühne wäre. Die Sprecherin kommentierte auch das Verhalten der verwunderten Passanten, die sich natürlich über die komisch applaudierende Gruppe mit den bunten Kopfhörern wunderte!



Es ist anspruchsvoll eine solche Gruppe "ferngesteuert" Metro fahren zu lassen. Aber es klappte prima, keine Verluste und grosse Gaudi, wenn man dann tanzen soll!



Es war eine tolle Erfahrung zu sehen, dass die russischen Kollegen problemlos, ja lächelnd der Aufforderung folgten, den Passagieren in dem ausfahrenden Metrozug zum Abschied nachzuwinken (während das den wenigen deutschen Teilnehmern eher peinlich war). In der Stadt liefen wir vom Puschkinplatz zum Restaurant Bolshoi, durch Klöster und Hinterhöfe mäandrierend. Hier wurde die Gruppe dreigeteilt, natürlich mit separaten Kommandos im Kopfhörer. Unsere Gruppe (man sieht mein iPhone glänzen):



An der Generalstaatsanwaltschaft der Russischen Federation wurden wir als geschlossene "Demonstration" vorbeigeführt, alle etwas Eigenes aus der Tasche über dem Kopf schwenkend und Demolärm im Hörer. Fühlte sich echt an!

Der Lauf endete auf einer Dachterrasse gegenüber Restaurant Bolshoi und Chanel. 





Eine tolle Erfahrung, sehr empfehlenswert!
Unser Gruppenphoto findet ihr unter #remotemoscow auf Instagram https://instagram.com/p/BYgQ9TYHvpX/ 

Bald auch in eurer Stadt. 


26. August 2017

755. Pyrofest Moscow 2017




Jährlich erreicht die internationale, sommerliche Pyrofest-Welle auch Moskau. Acht Teams aus 8 Ländern bewerben sich vor einer Fachjury für den Gewinn, ausgedrückt in Punkten. Was sich professionell anhört, führte am Ende (Achtung Spoiler!) zum Gewinn des russischen Beitrags aus St. Petersburg. 
Das Festivalgelände liegt etwas ausserhalb, was die Logistik für die 500'000 Besucher an einem Wochenende anspruchsvoll machte. Nicht für den Einzelnen, denn der brauchte nicht nachdenken über seinen Weg - Gitter und Polizei kanalisierten die unüberschaubare Menge wie geplant. Wir verstehen bis heute nicht, warum wir von der Metro (voll!) nicht direkt über die Strasse zum Eingang gehen konnten; wir wurden stattdessen je einen Kilometer auf den Strassenseiten zu einem U-Turn geleitet. 





Wir hatten uns Tribünenplätze geleistet und dadurch super Sicht. Hinter uns war gleich eine Blau-Lichtsäule, das gab gute Sicht (man konnte ungeniert aufstehen). Leider umschwirrten auch Fliegen das Licht, manche fielen dann sterbend auf unser Haar. 




Das Feuerwerk war prächtig, wie erwartet. Als Beispiel der chinesische Beitrag in voller Länge. 




Und auch der Heimweg war lang (6 km Fussmarsch zur nächsten Metrostation) und voll. 





12. August 2017

754. Selbstversuch

Heute mal ein anderes Thema: die Neurologie als solche. 



Für den im folgenden beschriebenen Selbstversuch gelten die üblichen Disclaimer und Warnungen, wer hier etwas nachmacht tut dies freiwillig und auf eigenes Risiko. Nicht, dass mir nachher Beschwerden kommen über angestossene Zehen oder Schienbeine!

Ausserdem macht der Selbstversuch nur Sinn für Personen, die ohne Mühe mit geschlossenen Augen einen (kurzen) verwinkelten aber bekannten Weg laufen können. Ich mache das gelegentlich z.B. vom Zähneputzen zum Bett, als Training für Orientierung, Erinnerung und Balance. Ist auch ökologisch, denn es spart Strom für die Lampen!

Nun ergab es sich vor ein paar Tagen, dass ich im Bad vor dem Schlafengehen noch Ohrentropfen einfüllte, und daher auf dem Weg in's Bett den Kopf auf die Seite legte und dazu die Augen schloss. Es war mir in dieser Haltung allerdings gänzlich unmöglich den vertrauten Weg zu finden, ich verschätzte mich dramatisch (und schmerzhaft!) in Richtungen und Distanzen. 

Meine Schlussfolgerung ist, dass das Gleichgewichtsorgan beteiligt ist an der Ausprägung des spezifischen Weg-Gedächtnisses, und dass es beiträgt zur Erinnerung von notwendigen Richtungs- oder Geschwindigkeitswechseln. Das könnte dann auch bedeuten, dass das Weg-Gedächtnis sich eher abstützt auf das Memorieren von Beschleunigungssequenzen als von Geschwindigkeitsabläufen. Natürlich gibt es auch andere Erklärungen für das Versagen der Orientierung, z.B. aus der Akustik. 

So, jetzt könnt ihr lieben Leser mal selber ausprobieren und Feedback geben:
  1. Wer kann flüssig im Dunklen ("ohne Gucken!") bekannte Wege zurücklegen?
  2. Geht der gleiche Weg auch noch so geschmeidig mit seitlich auf die Schulter geneigtem Kopf?
  3. Meint ihr meine Überlegung mit dem "Memorieren von Beschleunigungen" macht überhaupt Sinn?
  4. Oder ist die Orientierung im Dunklen vielmehr  eine spontane Orientierung nach Gehör im akustischen Raum, die natürlich bei veränderter Kopfhaltung ungewohnt beeinflusst wird?
Hoffentlich löst dieser Beitrag keinen neuen Hype aus! Nicht dass auf einmal alle mit schiefem Hals und geschlossenen Augen zur Arbeit gehen! Kennt man ja. 



8. August 2017

753. Komi

Zurück zum Namen der Stadt Syktyvkar. Der hat seinen Ursprung in der Lage der Stadt (-kar) am Fluss Syktyv. So einfach ist Finno-Uigurisch!

Ein Close-In auf's Wasser des Syktyv:







Im Frühling steigt das Wasser bis zur Mitte der Beton-Befestigung an. Die wurde übrigens mit Bundesmitteln finanziert, viiiel zu viel Bundesmitteln. Der zuständige Projektleiter sitzt noch ein. 

Das Gespräch mit den Offiziellen war sehr anregend. Ich verstand sie nicht immer wörtlich, konnte aber den Themen folgen und Konfliktpotential erspüren. Dann meldete ich mich eben zu Wort, und habe meistens den Kern getroffen. 



Der Bundesstaat Komi und seine Waldgebiete. Farbig markiert sind die privaten Holzschlaggebiete, ein "Pixel" sind ca. 10 km2 und die Karte zeigt ein Gebiet so gross wie Deutschland. Im Norden beginnt die Arktis. Und im Zipfel im Westen leben Russlandbulgaren, die dort unter Stalin angesiedelt wurden. 



Am Nachmittag waren wir beim Dekan des Wissenschaftlichen Zentrums von Komi. 500 Postgraduates arbeiten dort in 6 Fakultäten. Vielleicht in ihren Bedingungen nicht Weltklasse, aber hoch motiviert und nicht dumm. Der Dekan hat Heilpflanzen als Hobby, die er im Gebirge sammelt, aufarbeitet und die Wirkstoffe standardisiert zur pharmazeutischen Registrierung bringt. Es gab einen reich gedeckten Tisch in seinem Büro, und Rosé-Schampus für die zahlreichen Toasts auf den Erfolg des Projekts. 

Flur und Schreibtisch des Dekans:





Das Menetekel an der Wand spricht: "Der Geist dringt, mit den Werkzeugen der Wissenschaft, in die Rätsel der Materie ein, und hilft uns so die Wahrheit zu erkennen.(M.V. Lomonosov)"

7. August 2017

752. Сыктывкар

Es macht nichts, jeder kann es ruhig zugeben, dass er/sie nicht weiss was der Titel bedeutet. Oder wie er korrekt ausgesprochen wird. 
Syktyvkar (transskribiert) ist der original finno-uigurische Name der Hauptstadt der Republik Komi, etwa 1000 km nördlich von Moskau. Die Republik Komi ist politisch ein Bundesstaat, ist so gross wie Deutschland und die Schweiz zusammen, und hat so viele Einwohner wie Stuttgart. Ich bin hier, um morgen den lokalen Industrieminister  zu treffen, der sich für ein Investment für eine bestimmte Technologie interessiert. Wir müssen uns morgen mal "abklopfen", wo die wirklichen Motoren für das Interesse liegen, und dann intern beraten ob die Schnittmenge gross genug ist. 

Der Flug dauerte 1 1/2 Stunden, die Sitze waren so eng, dass ein Wechsel der Sitzposition unmöglich war. Ich kam mir vor wie die Glocke von Schiller!
Der Landeanflug war spannend, über eine grüne Landschaft mit mäandrierenden Flussarmen. Ein wahres Mückenparadies!





Kaum hatte ich zwei Schritte aus der Flugzeugtür gemacht, noch auf der Treppe, da sass schon die erste Mücke auf meiner Stirn. Unten am Boden angekommen waren es schon zwei (gewesen, RIP).  Die Lokalen versicherten mir jedoch, dass es jetzt nur noch wenige Mücken gäbe, so im Juni wären sie wirklich zahlreich und durstig. 




Im Hotel gab es eine Vorbesprechung mit dem Minister-Stellvertreter, danach machten wir drei Gäste einen Bummel durch die Nacht. Die Luft war wunderbar, allerdings lag die Temperatur knapp 10 Grad unter der von Moskau. Zum Glück hatte ich den Mantel eingepackt!



Beim Abendessen im wirklich ausgezeichneten Restaurant "Granat" (www.granat11.ru) wurde dann von gefroren zu essenden Moksun-Fischen geschwärmt, von den 5 Elchfarmen (Milch!) in Komi, und von nomadierenden Rentierzüchtern. Letztere sind in der Stadt nicht so beliebt, weil sie ihre Kinder im Winter zur Schule dorthin bringen - sie aber im Sommer immer wieder mal vergessen wieder abzuholen. 

4. Juli 2017

751. Rare Perspektiven

Kürzlich führte mich ein Besuch bei einem Geschäftspartner in die Mokhovayastrasse 13. Das ist für einen Besuch eine sehr ungewöhnliche und wegen des Eigners nicht unumstrittene Adresse. Das Haus 13 ist eingebettet zwischen das Hotel National (eines der Top 3 Hotels der Stadt und damit Russlands) und das Geologische Institut der Uni. Gegenüber liegt der Kreml. 



Die Existenz der zentralen Mokhovayastrasse ist seit 1490 belegt. Sie erhielt ihren Namen von den dort ansässigen Händlern, die Moos (мох, "mokh") verkauften zum Dichten der Holzhäuser.  Später hiess sie dann auch mal Karl Marx Avenue. Als die Moskauer Staats-Universität im Jahre 1812 abbrannte, wurde in der Mokhovaya 9 der neue Hauptbau errichtet. 

Zur Errichtung des Hotel Moskva 1930 wurde der Platz davor bis zur Manege (die dann 2005 abbrannte) freigeräumt. Darunter entstand eine zentrale Metrokreuzung (heute der viel kleinere Okhotny Ryad), die heute so nicht mehr bestehen kann. 1990 wurde nämlich der ganze Platz tief umgepflügt (einschliesslich der Metrotunnel) für den Bau einer unterirdischen Shopping Mall. 



So gibt es freien Blick vom Gästerestaurant auf der Dachterrasse auf Kreml, Manege und das alte Hotel Moskva (heute"Four Seasons"). 





Das Haus Mokhovaya 13 wurde 1926 gebaut als Gästehaus des Kreml. Ab 1940 war es die Bleibe der Botschaft der USA (die später umzog in einen Neubau, inklusive Abhörskandal), danach nutzte es Intourist als Headquarter. Und heutzutage gehe eben ich dorthin zum Gespräch und Espresso. 

3. Juli 2017

750. L13 - L14

Ob es eine gute Idee ist ein Fussballspiel zu besuchen, dass angeschrieben ist "Loser Spiel 13 gegen Loser Spiel 14"? Können "Loser" wenigstens untereinander gut spielen? Und ist dann die unterlegene Mannschaft des Matches ein "Double Loser"??



Nun, das mit diesen Überlegungen eingeführte Spiel 15 um den 3. Platz des Confederations Cup fand gestern im dafür (und für die WM2018) gebauten Spartak-Stadion in Moskau statt. Moskau sparte uns schliesslich die Fahrt nach St Petersburg zum unerwartet ruppigen Finale. Portugal und Mexiko spielten zwar ohne das letzte Quentchen Energie einzusetzen, aber immerhin anständig und ansprechend. 

Die Bronzefigur vor dem Stadion soll wohl Spartakus darstellen. 



Wir waren rechtzeitig eingetroffen, einer der nagelneuen, leisen Metrozüge rollte uns 12 km hinaus in den Nordwesten der Stadt. 



Unsere Plätze waren zugelost, man konnte beim Buchen nur aus vier Kategorien wählen. Offensichtlich sassen wir in einem der aktiveren Blöcke, voller Kinder und mit einem Chefanimator, der atemlos und unermüdlich, völlig losgelöst vom Spielgeschehen, seine La Ola's starten wollte. Eine einzige überlebte die Runde …

Wir hatten gute Plätze, mit guter Perspektive des Feldes und unter dem Dach. Es regnete nämlich ununterbrochen von An- bis Schlusspfiff.  Mit anderen Worten: wir kamen trocken an und gingen trocken nach Hause!



Irgendein Witzbold warf  mit Spielgeld um sich. 



Die Sicherheit war zeitgemäss auf höchstem Niveau, und das Spiel und sein Drumherum dadurch ungestört. Zum Eintritt benötigte man das FIFA-Ticket plus einer passähnlichen FAN-ID (sie berechtigt sogar zur Einreise ohne Visum!). Natürlich ist die Security am Eingang maximal, Hüte werden innen kontrolliert und Schirme müssen aufgefaltet werden. Schuhe werden auch abgetastet, nicht nur die Knöchel. 

Am Eingang zur Metro dann wurde es etwas gar martialisch. Die Kavallerie war da, und alle Zuschauer wurden durch ein enges Spalier von in dunkle Regenpelerinen gemummten Soldaten geleitet. Wirkte emotional etwas überdimensioniert, war aber ein durchdachter "Trichter", der den Ansturm von 45'629 Besuchern auf die beiden schmalen Rolltreppen zur Metro sehr wirksam kanalisierte.  



Ach ja, wir wollten schlau sein und verliessen das Stadion in der 88. Minute. Dadurch verpassten wir das Ausgleichstor in der 90. Minute und die Nachspielzeit. Portugal gewann 2:1. 


824: „Muß di ni argern, dann geit di dat goot“

Sinnspruch an der Wand des Glücklichen Matthias : Darunter schmeckte uns Pannfisch und Schlemmerteller (nein, nicht der vom Horst!).  Danach...