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14. März 2017

731. Aus Altgläubigen wurden Semeiskiye

Die Region des heutigen Buryatien (östlich vom Baikal-See, rund um Ulan-Ude) hat eine lange und bewegte Geschichte im Spannungsfeld zwischen den russischen Zaren mit China und der Mongolai. In Zeiten, als es noch keine kartierten Grenzen gab, wurden Einflussgebiete mit verschiedenen herrschaftlichen Massnahmen markiert. Zarin Katharina z.B. siedelte ganze Völker um und schenkte ihnen im Gegenzug Freiheit - so gab es in Sibirien im Unterschied zu Rest-Russland nie Leibeigenschaft sondern nur "freie" Bauern. So ganz edel werden ihre Beweggründe für die Gewährung politischer Freiheiten allerdings nicht gewesen sein; sie hatte sicher auch Schwierigkeiten ihre Fürsten zur Übernahme von Lehen im kargen, unattraktiven und weit vom Hof gelegenen Sibirien zu motivieren! Und ohne Fürsten keine Leibeigenschaft!

Eine der übersiedelten Völkerschaften waren die Altgläubigen, eine Abspaltung (1666) der orthodoxen Kirche unter Patriarch Nikon. Sie lebten als recht geschlossene Gruppe nahe Polen, auf dem Gebiet des heutigen Belarus. Zarin Katharina fragte sie dreimal ob sie nicht nach Sibirien in's heutige Buryatien umsiedeln wollten. Das dritte Nein wurde nicht mehr akzeptiert, und so sind sie eben heute die Einwohner des Tarbagataiystvo Rayons! Katharinas Hauptmotiv für die Umsiedlung war das Know-How der Altgläubigen im Getreideanbau: die in Buryatien vorher exklusiven Mongolenstämme waren Nomaden mit fast ausschliesslicher Fleischkost - mit entsprechend schwacher Konsitution im Winter, wenn sie Brot gebraucht hätten. Die Altgläubigen machten mit ihrem Getreide, ihrem Fleiss und ihrer Sesshaftigkeit anfangs sehr gute Geschäfte, denn sie konnten das wenige und teure importierte Getreide leicht preislich unterbieten und dennoch guten Gewinn machen. 
Im Lauf der Zeit und mit zunehmender Distanz zum orthodoxen Patriarchen ist die Bedeutung der Religion zurückgegangen. Sie sind noch eine eigene Religionsgemeinschaft mit eigener Liturgie, nennen ihre Gemeindemitglieder im sozialen Kontext heute aber "Semeiskiye", was soviel heisst wie "die im Familienverbund Lebenden". 2001 erklärte die UNESCO die Kultur der Semeiskiye zum ideellen Weltkulturerbe!


Die Selenga mäandriert weit ausholend durch ihr Tal. Die Eisdecke war dünn und mancherorts schon gebrochen, Autospuren (alte?) sah man auf dem Fluss trotzdem. Der Aussichtshügel war das Territorium eines jungen grauen Schäferhund-Mischlings, der uns in sein Herz schloss; auf der Rückfahrt hielten wir wieder dort an, damit Lena ihm etwas Fleisch von unserem Essen hinlegen konnte. 

 
 
Die Dörfer der Semeiskiye sind überdurchschnittlich gut gepflegt, die Häuser bunter als sonst. Hinter den dicken Kiefern- und Lärchenbalken verbirgt sich aber wohl Tristesse, Abwanderung und Arbeitslosigkeit. Nach der Auflösung der grossen Kolchose knüpften die Altgläubigen nicht an ihren einstigen Eifer in der Landwirtschaft an und warteten auf Rettung von irgendwoher - aber nicht aus eigenem Kopf, Können und ihren Armen. Wir sahen noch die in den letzten 25 Jahren überwucherten Felder, die sich langsam (vielleicht auch aufgrund ungeklärter Rechtsverhältnisse oder Spekulation) in Wälder verwandeln. Einen Besuch wie unseren kann man jedenfalls auch begreifen als Anschubhilfe einer neuen Tourismusbranche. 



 
 
Unkaputtbare Steampunk-Schiffsschaukel. 

 

Die Inneneinrichtung schien "europäischer" als bekannt, vielleicht bedingt durch den geographischen Ursprung der Altgläubigen nahe Polen. 



Im zweiten Museumshaus stand das Essen für uns parat. Zentral die Karaffe mit dem eigenen Samogon, dem wir gut zusprachen (als wir gingen, war sie nur noch halb voll). Es gab einen Teller heisser Kohlsuppe ("Shi") und Fleisch mit Kapü, und viele Vorspeisen. We didn't go hungry!

 

Vor und während des Essens gab es polyphonen Gesang, und - ach du Schreck! - eine Verkleidungs- und Hochzeitszeremonie. Tatsächlich wurde mir die prächtig geputzte Braut Ulrike in Sorge übergeben, nicht ohne vorher noch einen Preis dafür verhandelt zu haben. Ich zahlte bar in die bereitgehaltene Schürze der Chorchefin, und so habe ich meine Ulrike nochmal geheiratet!

Wir wurden lieb und herzlich verabschiedet. 

 
 
Es war schon fast dunkel als wir uns Ulan-Ude wieder näherten. Aus dem fahrenden Auto photographierte ich noch die einspurige (!) Bahnlinie nach Ulan-Bator in der Mongolei. Der Fahrer schlug vor, für das Photo kurz auf den Gleisen zu halten, aber es ist so ja auch gut genug. 

 
 
Bevor wir zum Bahnhof fuhren, machten wir noch eine Stadtrundfahrt (Lenin bei Nacht) und einen Ausflug in einen Vorort zu einem sehr persönlichen Ziel. 

Am Bahnhof verabschiedeten wir uns von Lena. 

 

730. Ivolginsky Datsan

Neben der Umsiedlung ist eine andere nicht-militärische Massnahme zur Markierung des Einflussgebietes die Oktroyierung einer passenden Religion bzw. die Mission der vorhandenen Einwohner. Die Buryaten waren ursprünglich Anhänger vieler lokaler, schamanistisch ausgerichteter Naturreligionen. Die dazu "passende" (und beruhigende!) Weltreligion ist der Buddhismus, der Naturreligionen nicht grundsätzlich ausschliesst, ja in manchen Aspekten sogar einschliesst. Der Weg eines Volkes vom Schamanentum zum Buddhismus benötigt Lehre, nicht Zwang, und ist daher in der Regel dauerhafter und geräuschärmer. Und so entsandten sowohl China als auch die Zaren als flankierende Massnahme auch buddhistische Missionare in die Gegend. Die chinesischen Missionare waren zahlreicher und besser organisiert und "eroberten" so grosse Teile der heutigen Mongolei, während der zaristisch unterstützte Buddhismus auf das (relativ kleine) Gebiet des heutigen Buryatien beschränkt blieb (dies ist sehr eindimensionale Darstellung der Geschichte, es gab früher und später jede Menge Korrekturen im anerkannten Grenzverlauf). 

 

Wir besuchten die zentrale Lehranstalt des russischen Buddhismus im Ivolginskiy Datsan, gegründet 1949 mit ausdrücklicher Billigung Stalins. Es wird heute als Internat geführt, mit etwa 120 Studenten in 8-jähriger Ausbildung. Die Studenten leben in kleinen Häusern, die von ihren Dörfern erbaut und unterhalten werden, erhalten aber keine Stipendien sondern sind in ihrer Zeit im Datsan Selbstversorger (die Besucher spenden sehr grosszügig). Sie lernen neben buddhistischer Theologie und Philosophie noch 6 Sprachen, plus die in Russland an Universitäten verbindlichen Pflichtfächer wie IT, etc. Der Abschluss der buddhistischen Lehranstalt ist ein vollgültiges Universitätsdiplom. 

Im Ivolginskiy Datsan residiert der 25. Chamba Lama als höchster Lama Russlands, hier empfing er Putin und Medvedev. Er ist allerdings weder formal noch geistlich vergleichbar mit dem Patriarchen der orthodoxen Kirche oder dem Papst, das höchste geistliche Oberhaupt des Buddhismus ist der Dalai Lama. 

Auf dem Gelände stehen verschiedene Tempel, den wichtigsten Gottheiten geweiht. Der Besucher geht im Uhrzeigersinn durch das Gelände, entlang des mit unterschiedlichsten Gebetsmühlen versehenen Rundgangs. Sie enthalten im Inneren die spezifischen Gebetstexte, und das Gebet wird durch manuelles Drehen der Mühle "gesprochen". Lena kannte sich sehr gut aus und erklärte uns "unsere" Gottheiten und die richtigen, respektvollen Verhaltensweisen. Z.B. geht man in einem Tempel immer im Uhrzeigersinn herum, und verlässt ihn rückwärts gehend, um der Gottheit nicht den unreinen Rücken zuzukehren. 

Studentenwohnhäuser auf dem Gelände entlang des Rundgangs, mit Gebetsmühlen, und ein Rundum-Video mit dem Mönchsgesang auf der Tonspur. 

 


Unsere durch das Geburtsjahr bestimmten Gottheiten treten häufig gemeinsam im gleichen Kontext und Tempel auf. Unsere Glücksfarben sind Grün und Weiss, und wir haben natürlich zwei solchfarbige Glückwunschfahnen mit unseren Namen versehen und ausserhalb der Klostermauern an einen Strauch in der Steppe geknotet. 

 
 
Etwas ausserhalb des heiligen Grundes der Lehranstalt steht ein kleiner Pavillion mit einer Bronzestatue des buryatischen Künstlers Dashinima Namdakov , "Der kleine Buddha" (2011 in Italien gefertigt und dem Kloster geschenkt). Der nackte kleine Buddha schmiegt sich lächelnd an den Kopf eines Löwen, der mit der Tatze die kleine (profil- und bedeutungslose) Weltkugel gerade noch über dem Abgrund hält. 

 

Die wertvolle Skulptur wird durch zwei wütend bellende Bluthunde (mit Nachwuchs) im umlaufenden Zwinger bewacht. Ulrike meinte, dass bellende Hunde nicht beissen würden - ich hatte aber den Eindruck, dass sie schon rechtzeitig zu bellen aufhören würden …

729. Ulan-Ude

Die Fahrt von Ust-Barguzin nach Ulan-Ude dauert auf meist sehr guter Strasse etwa 4 stressfreie Stunden. Die Strasse wurde erst vor wenigen Jahren fertiggestellt, im Rahmen der russischen Förderung des Tourismus in der Provinz Buryatien östlich des Baikalsees. Daher sind auch die neuen Strassenschilder zweisprachig und weisen sogar ganz ökologisch auf Wasserschutzgebiete hin! Heute würden die Planer auch Chinesisch als dritte Schildersprache vorsehen, in Moskau sind sie schon so weit. Die Fertigstellung der 250 km Strasse ist leider auf unbestimmte Zeit verschoben, weil alle nationalen Investitionen für touristische Infrastruktur seit 2015 auf die Krim umgeleitet werden …


 

Wofür ist Ulan-Ude weltweit bekannt?
Für die grösste Lenin-Büste aller Zeiten! Solide 42 Tonnen bringt der Bronze-Kopf auf die Waage, gestützt wird er von ukrainischem Marmor. Wir fanden alle, Lenin sähe hier zu autoritär und respektheischend aus, Lena machte er sogar Angst. 


 

Ulan-Ude wurde erst vor etwa 20 Jahren für Ausländer bzw. Touristen geöffnet, vorher durfte man die Stadt nur mit Spezialvisum besuchen. Der Hauptgrund war der strategische Eisenbahnknoten an der Transib mit Abzweig in die Mongolei, aber auch das MiG-Flugzeugwerk und die Spezialfabrik für Sensoren für Flugzeuge und U-Boote etc. 
Wir sahen leider keine dieser sicher ingenieursmässig sehenswerten Institute, nicht mal von weitem. Am nächsten noch kamen wir ihnen an dieser aufgebockten, hochbeinigen Dampflok, gutes Baujahr 1953. 

 

Der alte Stadtkern bietet freilichtmuseal einige schmucke Holzhäuser und 300-jährige Steinpaläste von Politikern und Handelsherren. Nicht mehr oder weniger als was andere Städte Russlands auch bieten können. 

 

Das buryatische Nationaltheater leistete sich einen Zweispänner über dem Eingang, und das Foyer ist rund als Yurte gestaltet. Über dem Eingang steht das Lenin-Zitat "Die Kunst gehört dem Volk", vor dem Haupteingang üben entsprechend Skateboarder ihre Künste. 

 

Oben auf dem Berg thront eine private buddhistische Schule, die bunten Wunschfahnen flattern im Wind und man überschaut von dort die Stadt. 

 
 
Zum Z'nacht assen wir im Restaurant "Tengis" direkt am Lenin-Platz. Es hatte online nur einige mässige Kritiken und wir wären von uns aus kaum hingegangen (was wieder einmal das Risiko marktformender Kraft von Einzelmeinungen im Internet verdeutlicht, s.a. "shitstorm"). Wir waren bis auf zwei mafiös dreinblickende Herren (vielleicht vom städtischen Baudezernat?) die einzigen Gäste und wurden entsprechend verwöhnt. Wir nahmen Stroganíno auf Eisbett mit Stickstoffdampf, aber auch Yak-Tartar, und als Hauptgang Omul-Fisch unter Zedernkernen auf Pilzrisotto. Ein Rzhyazenka-Eis rundete den Tag ab. 

13. März 2017

727. Banya ("Баня")

Die korrekte Nutzung einer russischen Banya ist vielen Landsleuten nicht vertraut, selbst Bundeskanzlern unterliefen anfangs kleinere Abweichungen vom erwarteten Verhalten. Dieser Post will die unerfreuliche Situation ändern und beschreibt daher die Prozedur en detail
  1. Eine Banya besteht aus vier Räumen, benennen wir sie hier anschaulich als Hitzeraum, Wasserraum, Ruheraum und Aussengelände. 
  2. Der mittig-mächtige Ofen heizt hauptsächlich den Hitzeraum, dort liegen auch heisse Steine offen für Aufgüsse (im Unterschied zur Sauna ist die Luft einer Banya feucht-heiss); die anderen Innenräume werden aber mitgeheizt und Wasser in mächtigen Kesseln erwärmt. 
  3. Grundsätzlich geht man nach Geschlechtern getrennt in die Banya (Ausnahmen werden nur für Touristen gemacht); auch sonst wahrt man hohes Schamgefühl und ist - ausser beim Sitzen im Hitzeraum oder Wassergüssen - nicht gänzlich nackt. 
  4. Im Ruheraum zieht man sich um und wickelt sich das Handtuch um die Hüfte. Dann wird die Lokalität erforscht, und man erhält die Bedienung erklärt. 
  5. Normalerweise hält man sich im Ruheraum auf, hier ist das soziale Zentrum zum Unterhalten und Singen. 
  6. Ein Durchgang beginnt mit gegenseitigen Schwallgüssen warmen Wassers im Wasserraum. Frieren darf man jetzt nicht mehr (sonst ist noch Vorglühen im Ruheraum nötig!)
  7. Danach geht es auf die Bänke im Hitzeraum, wenn möglich liegend. Nach 10 - 15 Minuten Schwitzen holt sich der Erste einen Strauss eingeweichter Birken- und Eichenzweige (im Sommer mitsamt den Blättern getrocknet) aus dem Wasserraum, und streicht und "schlägt" die anderen Gäste sanft auf Vorder- und Rückseite. Man kann im Takt dazu singen ("Kalinka"). 
  8. Nach dem Peitschen verlässt man den Hitzeraum und wäscht die Birkenblätterreste im Wasserraum mit Schwallen warmen Wassers ab. 
  9. Lendenschurz anziehen und im Ruheraum erholen. Wer möchte, kann nach einer Weile Erholung auch in das Aussengelände gehen und sich mit Schnee abreiben (lassen). 
  10. Nach 3-4 Durchgängen hat man ausgeschwitzt und zieht sich warm für den Heimweg an (Mütze!). Die dann angelegte Unterwäsche kann man, zu Hause angekommen, allerdings gleich auswringen!
Eine Banya ist sehr erholsam, lustig, verbindend und leichter zu ertragen als Sauna. 
Letzter Tipp: in Russland hat der Begriff "Sauna" einen anrüchigen Rotlicht- und/oder Ausländer-Klang - sagt also nie in Russland zu einer Banya "Sauna"!

12. März 2017

726. С лёгким паром ("mit leichtem Dampf")

Dieser Post-Titel hat eigentlich kaum etwas zu tun mit den Erlebnissen des Tages, aber ich habe den Begriff heute kennen gelernt. Er ist der Titel eines russischen Kult-Filmes von 1975, der Pflichtprogramm aller russischen Haushalte am Abend des 31.12. ist, wenn die vielen Salate für das Neujahrsfest hergestellt werden ("Ohne С лёгком паром kann ich keinen Heringssalat machen!"). Die Schilderung der Filmhandlung erinnerte mich irgendwie an Hangover.  

Wir machten heute einen Tagesausflug mit dem Naturpark-Ranger Sasha und seinem gepolsterten Vashik in den Nationalen Naturpark auf der Halbinsel der "Heiligen Nase". Die höchste Erhebung der Bergrücken, schon über der Baumgrenze, liegt bei 1877 m. 

 

Wir starteten in Ust-Barguzin, auf der Karte am unteren Rand gerade noch zu sehen, und fuhren über den ganz flachen Damn erst nördlich auf die Halbinsel, um dann nordöstlich weiter zu holpern bis zum Dorf Катунь und weiter zu den markierten "You are here" heissen Schwefelquellen. Von dort ging es zu der vorgelagerten winzigen Insel des "Nackten Bruders" und zurück. 

Der Naturpark bot die bisher typischste sibirische Vegetation, und der Schnee trug wesentlich dazu bei, dass sich dieses "So weit die Füsse tragen"-Gefühl einstellte. 

 

Am Eingang zum Park, ein paar Kilometer hinter dem weltlichen Schlagbaum mit Kasse und Souvenirladen, stand dieser Schamanenpfahl des Schutzgeistes Obu. Hier sollten wir eine Gabe hinlegen, um im Park gut beschützt zu sein. Der Fahrer Sasha griff  dafür in die im Auto bereitliegende Reistüte, wir gaben etwas Kleingeld wie schon viele andere Schutzsuchende vor uns. Beachtlich waren die vielen geopferten Zigaretten!

 

Neben der Obu-Statue floss ein klarer Bach und machte beruhigende Naturklänge. 

Von einer Klippe (340 Stufen) oberhalb Катунь konnten wir das heutige Festival auf dem Eis überblicken. Wir sahen den Angelwettkampf (Hauptpreis: ein funkelnagelneuer 125 ccm Scooter!), die Hundeschlittenbahn, den Knochenbruch-Wettbewerb, und den Spielepark. 

 

Eine Trachtengruppe sang und tanzte, einer der Männer war wohl ein Enkel unserer Wirtin. Keine Ahnung, ob es gerade der links auf dem Bild ist. 

 

Der Angelwettbewerb war sehr wichtig. Es wurde in Viererteams gefischt, das Team mit dem höchsten Fanggewicht innerhalb 2 Stunden sollte gewinnen. Meist herrschte stoische Ruhe am Eisloch. 

 

Eine typische Eisangel ist ca. 30 cm lang und hat weder Rolle noch Schwimmer. Die Spitze ist eine Feder, die beim Anbeissen eines Fisches sofort wippt. 


 Es gab stolze Fänger von Prachtsbarschen, …

 

… aber auch Kleinvieh wurde nicht verschmäht (speziell wenn es der einzige Fang war!)

 

Der originelle Knochenbrech-Wettbewerb, bei dem mit blossen Händen eine Schafsrippe schlagend zu brechen ist, gab keinen Sieger in diesem Jahr. https://youtu.be/p6wHpeJMGIM

Das Husky-Rennen wurde eingeleitet durch ein "Run your own race" mit von verkleideten "Hunden" gezogenen Schlitten. Gaudi und Hallo! Danach kam das echte Rennen:

 

In einem Restaurantzelt kaufte uns Sasha noch Bratfische, aus der Hand zu essen. Wir quetschten uns dafür lieber zu 5 jungen Männern auf eine Biergarnitur, und wurden sofort in deren Gruppe integriert. Sie erkundigten sich nach uns, wir antworteten, Lenas Fisch wurde beim dauernden Übersetzen kalt - aber nach 5 Minuten wurde mir bereits ein Samogon für den ersten Toast ("Auf die Freundschaft!") angeboten. Samogon ist selbstgebrannter Vodka ("Moonshine"), oft auch als Aufgesetzter zubereitet. Wir hatten richtig Spass, weil sie (und wir) so freundlich waren. Mein Augenlicht habe ich auch noch!

Auf der Eisstrasse ging es weiter zu den heissen Schwefelquellen. Die Anlage bestand aus zwei Holz"kabinen", die die beiden Quellen in Holzwannen fassten. Darin zog man sich, nach kurzer Wartezeit, aus, um und wieder an. Das Wasser war mit 42° sehr angenehm temperiert, und das Bad tat enorm gut. Selbst das Abtrocknen an der eisigen Luft war ein gutes Gefühl!

 

Die Gnade des Dampfes: 

 

Wie üblich bei Schwefelquellen gibt es jede Menge morbide Farbigkeit im und um das Wasser. 

 

Vorgelagert dem Ufer mit den Quellen liegen zwei winzige Inselchen in der Bucht, die schöne Eisformationen bilden: der "Nackte Bruder" und der "Pelzige Bruder" - unterschieden dirch den Baumbewuchs. Wir besuchten die Höhlen des "Nackten Bruders". 

 

 

Blick auf den "Pelzigen Bruder" aus einer Eishöhle heraus:

 

 

Auf dem Eis hatte eine buryatische Familie aus Ust-Barguzin ihren Campingtisch zum Picknick mit Huhn, Fisch, Gemüse-Pickles, Gänse- und Enteneiern, und Torte vollgepackt. Als sie uns wiedererkannten (gesehen hatten sie ins schon im Wasser der Quellen), luden sie uns sofort an ihren Tisch ein, Ulrike wurde auf den einzigen Campinghocker gedrückt (dafür musste Oma eben mal aufstehen) - und der erste Toast mit Vodka und saurer Gurke wurde "auf den Baikal-See!" ausgesprochen. Lena charakterisierte uns kurz, und als es zu detailliert wurde griff der Familienchef zur Flasche und der zweite Toast kam dran. Nach dem dritten (wie immer "auf die Liebe") gingen wir dann aber und liessen die lieben Leute mit ihrer quietschbunten Torte allein. 

 

 

Auf der Rückfahrt warfen wir noch einen Blick in eine dieser beheizten Fischerhütten auf dem Eis. Darin angeln, schlafen und leben je zwei Männer mindestens eine Woche lang. Wie einfach Männer doch glücklich zu machen sind!

725. Ust-Barguzin am Abend

 

Viel ist nicht los im 9000-Seelen Dorf Ust-Barguzin. Wir starteten kurz vor Sonnenuntergang zu einem Bummel von unserem Haus in der Kirova, gingen hinunter zum Hafen, und kehrten zurück durch die Lenina und die Partisanska. Wir begegneten dabei 3 Männern, die vom Einkaufen kamen, 4 Schulkindern mit Tornister, und 8 Hunden. Die letzten 100 m zu den alles überragenden Hafenkränen trauten wir uns allerdings nicht übers Privatgelände, und machten einen Abstecher zur verschneiten Rampe zum Auffahren auf's Eis. Hinter dem Kutter sah man in der Ferne die Fischerhäuschen auf dem Eis der Bucht. 

 

 

Der sternenklare Himmel versprach eine kalte Nacht. Und in der Tat, am nächsten Morgen hatten wir klirrende -23 °C. 

 

10. März 2017

724. Risse

"Don't crack under pressure!"
ist ja einer meiner unverschämt coolen Macho-Sprüche. Gilt so nicht für Eis, schon gar nicht in einem sich jährlich 2 cm öffnenden Spalt in der Erdkruste und Scherwinden!

Die Risse reichten von kinderverschluckenden Dimensionen um Kap Khaboy, die Nordspitze der Insel Olkhon

 

… bis zu feinen Haarrissen, die am Besten in den Strassen sichtbar wurden. 


 

 

 

 

 

Die Risse "heilen" nicht bis zur Oberfläche zu, weil so weit wohl kein Wasser eindringen kann. Im Frühling aber, an April, fängt das Eis vom Ufer aus an zu tauen und Eisschollen brechen entlang der Risse an. 

Umgekehrt, im Herbst, brechen die Stürme die noch dünnen Eisflächen und türmen die Schollen gegen das Ufer hin zu den dann eindrücklichen Feldern auf. 
Das Video http://youtu.be/CkUNd8UKW-0 zeigt unsere wackelige Überquerung eines Eisfeldes mit Rissen heute morgen. In der Seemitte gibt es solche Bruchfelder natürlich  nicht. 

 

Ich traf heute bei der Seeüberquerung einen abenteuerlichen Waliser, der dieses Jahr für ein von der Ghurka Foundation gesponsortes Charityprojekt zu Fuss von Yakutsk bis irgendwo in China laufen will. Und der schlief letzte Nacht in einem Zelt auf dem Eis. Er meinte, es wäre zwar auch kalt von unten gewesen, wirklich vom Schlaf abgehalten hätten ihn aber die laut krachenden neuen Risse alle halbe Stunde. Er schliefe lieber auf Permafrost-Boden, sagte der Waliser. 

Fun Fact: Interessant sind auch Strukturen im Eis, die nicht auf Risse zurückgehen, sondern wahrscheinlich auf Bläschen. Diese hier sehen aus wie Wurmlöcher. 

 

Wer ausser mit erkennt noch die Linien im 60° Winkel zueinander, und weit entfernte parallele Linien? Der Bildausschnitt ist etwa 20x20 cm gross. 

824: „Muß di ni argern, dann geit di dat goot“

Sinnspruch an der Wand des Glücklichen Matthias : Darunter schmeckte uns Pannfisch und Schlemmerteller (nein, nicht der vom Horst!).  Danach...