10. März 2017

724. Risse

"Don't crack under pressure!"
ist ja einer meiner unverschämt coolen Macho-Sprüche. Gilt so nicht für Eis, schon gar nicht in einem sich jährlich 2 cm öffnenden Spalt in der Erdkruste und Scherwinden!

Die Risse reichten von kinderverschluckenden Dimensionen um Kap Khaboy, die Nordspitze der Insel Olkhon

 

… bis zu feinen Haarrissen, die am Besten in den Strassen sichtbar wurden. 


 

 

 

 

 

Die Risse "heilen" nicht bis zur Oberfläche zu, weil so weit wohl kein Wasser eindringen kann. Im Frühling aber, an April, fängt das Eis vom Ufer aus an zu tauen und Eisschollen brechen entlang der Risse an. 

Umgekehrt, im Herbst, brechen die Stürme die noch dünnen Eisflächen und türmen die Schollen gegen das Ufer hin zu den dann eindrücklichen Feldern auf. 
Das Video http://youtu.be/CkUNd8UKW-0 zeigt unsere wackelige Überquerung eines Eisfeldes mit Rissen heute morgen. In der Seemitte gibt es solche Bruchfelder natürlich  nicht. 

 

Ich traf heute bei der Seeüberquerung einen abenteuerlichen Waliser, der dieses Jahr für ein von der Ghurka Foundation gesponsortes Charityprojekt zu Fuss von Yakutsk bis irgendwo in China laufen will. Und der schlief letzte Nacht in einem Zelt auf dem Eis. Er meinte, es wäre zwar auch kalt von unten gewesen, wirklich vom Schlaf abgehalten hätten ihn aber die laut krachenden neuen Risse alle halbe Stunde. Er schliefe lieber auf Permafrost-Boden, sagte der Waliser. 

Fun Fact: Interessant sind auch Strukturen im Eis, die nicht auf Risse zurückgehen, sondern wahrscheinlich auf Bläschen. Diese hier sehen aus wie Wurmlöcher. 

 

Wer ausser mit erkennt noch die Linien im 60° Winkel zueinander, und weit entfernte parallele Linien? Der Bildausschnitt ist etwa 20x20 cm gross. 

723. Jetzt fahr'n wir über'n See, über'n See …

Der grosse Tag der Seeüberquerung. Der erfahrene "Seefahrer" Misha war aus unserem Zielort Ust-Barguzin herüber gekommen und holte uns mit seinem erdgrauen "Vashik" ab ("Man kann Vashiks in jeder Farbe kaufen, solange es Erdgrau ist"). Der Wagen ist rein funktional konzipiert, Differentiale aller Art gehören dazu, Luxus ist definitiv keine Funktion. Aber es gab tatsächlich eine effektive Klimaanlage mit Gebläse (blau), möglicherweise hatten wir Glück und kutschierten in der SE-Version. 
Im Hafen von Khuzhir fuhren wir auf's Eis: https://youtu.be/RlUUjHx8xo8


 

Am Inselfelsen "Krokodil" warteten wir auf den zweiten Wagen, man fährt nicht allein auf Eis. Wenn doch etwas passiert, kann dann immer noch der zweite Fahrer/Wagen einspringen und alle Personen weiterfahren. Die Eisformationen am Krokodil waren beeindruckend. 

 

Heute waren anscheinend mehrere Busse mit Chinesen angekommen. Sie waren überall, und die Guides Lena und Misha lästerten ordentlich ab. Chinesen bringen kaum Geld in die Gegend, sie haben eigene Reisebüros und ihre Hotels gehören hier Chinesen mit chinesischem Personal. 

 

Kap Khaboy umrundeten wir nur, auf holpriger Strecke durch ein Schollenfeld. Aber wir erkannten dafür aus der Distanz das menschliche Profil im Felsen umso besser. Ich sehe sogar zwei geschachtelte Profile!

 

Mit flottem Tempo (60 km/h) ging es über frischen Schnee hinaus ins Offene. Misha legte "Panorama-Pausen" ein. Nach anderthalb Stunden erreichten wir, nahezu über der tiefsten Stelle des Sees, das Basecamp von "Baikalnature" und machten dort Picknick mit Sandwich, kaltem Rehbraten und Pökelfleisch, Tee und Keksen. Die Wagenburg schützte vor dem kalten Wind. 

 


Das Photo wurde über der tiefsten Stelle des Baikal gemacht: 1 Meter Eis und dann 1642 Meter Süsswasser unter uns. 

 

Mahe am anderen Ufer umrundeten wir die "Heilige Nase", und diskutierten wieder über die markanten Kegelformationen am Osthang. 

 

 

In Ust-Barguzin sind wir privat bei Katerina untergebracht. Eine ganz liebe Frau mit drei Kindern und sieben Enkeln. Die Küche ist in modernem Barock gehalten. 

 
 
Katzenbilder werde ich hier nicht publizieren, sicher nicht. Weil aber das ganz junge Kätzchen soooo süss ist, dürfen Kopien angefordert werden. 

 

 

9. März 2017

722. Baikal On Ice


Wir waren praktisch den ganzen Tag auf dem Eis, von Grigory sorgsam gefahren in seinem bequemen "Patriot"-Vierradwagen: https://youtu.be/GUhcfnS-Y-w
Die Strecke von Khazhir zum Kap Khoboy beträgt rund 40 km, verläuft ausschliesslich auf dem Eis und einige hundert Meter vom meist steilen Ufer entfernt. Nahe am Ufer liegen nämlich unbefahrbare grosse Felder mit Verwerfungen, bei denen sich Eisplatten zu Beginn der See-"Gförni" gegen- und aufeinander geschoben haben. 

 

In Khuzhir kann man in der Hafenbucht mit den aufgedockten Kähnen, gleich neben der alten Fischfabrik, flach auf's Eis auffahren. Die Fischfabrik war unter Stalin ein hartes Lager für ausschliesslich politische Gefangene, es soll niemand den Aufenthalt dort überlebt haben (Lena erzählte uns dieses lokale Tabu-Thema beim Abendessen, als Grigory nicht mehr dabei war). 

 

 

Und dann fährt man auf der dunklen Eisspur in der weiten, weissen Ebene. 

 

Am nördlichsten Punkt der Insel, dem Kap Khoboy, angekommen, kann man ein riesiges Eisschollenfeld erkunden. Allein ist man dabei nicht, -zig Chinesen in schicken Klamotten stakseln neben einem durch's Gelände. Ulrike war nicht zu bremsen und wagte sich wieder mal am weitesten ins Offene hinaus. 


... während ich eher so feldherrenartig die Übersicht behielt. 

 

"Um die Ecke" des Kaps sah man sogar vage die Bergketten des Gegenufers. 

 

Die Geologie zeigt kristallines Urgestein, Gneise also. Flechten fügen gelbe und manchmaj auch rote Farbfelder hinzu. 

 

Neben der grossen Fläche mit mächtigen Schollen kann man auch im Kleinen Schönheit entdecken. Das erste Bild entstand mit der iPhone-Linse aufgesetzt auf eine blanke Schollenseite. 

 

 

Das blanke Strasseneis lässt tief blicken, man sieht im Volleis eingeschlossenen Schollenbruch. 

 

 

Ein Photographenprojekt für eine Hochzeit knipste die Eheringe in diese sublim gewachsenen Kristalle gesteckt. Muss schön aussehen, alle Kristalle sind schön. 

Auf der Rückfahrt verputzten wir hungrig die von Grigory mitgebrachten Käsebrote und Kekse, und genossen heissen Kräutertee in der Sonne. Danach überredete ich Grigory zu einer ungeplanten Pause bei einer Insel, die sich flach im Wasser/Eis liegend zum Erklimmen anbot. Von oben hatte man einen tollen Weitblick und konnte seinen Fans angemessen huldvoll zuwinken. 

 

 

Auf dem See waren recht viele Sportler unterwegs, Velofahrer und Schlittenwanderer/ Wintercamper und Schlittschuhfahrer und Eissegler (die ihren Schlitten in Ermangelung von Wind lustvoll überzeugt hinter sich herzogen!)

 

Der mystische Höhepunkt war jedoch der Schamanenfelsen (Мыс Боклан) bei Khuzhir. Jedes Jahr im Juli findet hier noch das Treffen aller Schamanen der Region statt, mit einem öffentlichen (touristischen) Teil und einem geschlossenen Ritual. Es soll im Kap eine verborgene Höhle geben, und Wunderheilungen ... Wie sich doch die Mythen der Welt gleichen!

 

Die gestern schon mal gezeigte superbreite Hauptstrasse Khuzhirs nochmal bei Tageslicht, mit Neujahrswünschen auf Russisch und Burjatisch, dem Supermarkt, und dem frisch silberbronzierten Heldendenkmal. 

 

8. März 2017

721. Vom Babr nach Khuzhir

Bei der Landung sahen wir genauso aus, wie man sich auch nach knapp 6 Stunden Flug ostwärts morgens um halb Vier fühlt: Prächtig!

 

Die Reiseführerin Lena (29), der Fahrer Grigory,  und sein weisser Datsun mit endzeitnahen Stossdämpfern erwarteten uns fröhlich. Das (wegen der Winterstiefel so grosse) Gepäck passte gerade so in den japanischen Kofferraum. Wir verstanden uns sofort gut, sie haben beide Deutsch und Englisch Lehramt studiert und sprechen hervorragend Deutsch (es dauert ja z.B. eine Weile, bis man als Fremdsprachlee die Wendung "über's Ohr hauen" erklären kann!); wir unterhielten uns über die Familien, Moskau und Irkutsk. Und vegetarische Philosophie, aber da wurde Grigory dann dogmatisch. 

 

Man muss nicht unbedingt wegen einer Stadtbesichtigung nach Irkutsk kommen, aber wenn man schon mal da ist und die Sonne so schön scheint ...

 

 

 

Das Wappentier der Stadt Irkutsk ist seit 1642 der "babr" - ein Sibirischer Tiger mit einem Biberschwanz und einem Zobel im Maul. Streicheln der Klauen bringt Kraft und Glück und Tralala. Hier stehen wir mit Lena vor dem Babr-Denkmal auf dem Kirov-Platz. 

 

Beim Mittagessen verdunkelten aus Pferdehaaren gewebten "Gardinen" den Speisesaal, der übrigens voller chinesischer Touristen war. Chinesischer Tourismus ist ganz stark im Kommen und wird in Russland entschieden gefördert. Und die chinesischen Gäste sind durchaus weltläufig und modern. 


Nicht nur ein weisser Hirsch aus Metall stand da an unserem Weg rum, sondern auch Kühe auf der verschneiten Weide (und der Strasse!)

 

 
 
Am Aussichtspunkt über der Südspitze der Olkhon-Insel steht ein Denkmal für einen lokalen Land- und See-Arbeiter. Interessant sind aber die bunten, in die umstehenden Bäumchen eingeflochtenen Schamanen-Tüchet mit "eingewebten" Wünschen. 

 

 

Wenn man heranzoomt, sieht man auf obigem Bild die beiden Spuren der Eisstrasse auf dem Kleinen See, sie führen von der Ortschaft in Windungen die ganzen 72 km Insellänge nach Norden. Mit allen Schikanen und Schilderwald: 

 

Ufer und Inseln tragen rundum einen Eis-Saum. Die Eiszapfen klingen wirklich so wie ich das erwartet hatte vom Video, ganz toll!

 

 

 

Wir trafen so um 18:00 Uhr im Hotel LADA in Khazir ein, gemütliches und sauberes Holzambiente. Auch das Z'nacht hatte Hüttencharm, war aber ordentlich und hat geschmeckt. Ich machte noch bei Eiseskälte (-11 °C) einen Spaziergang in's Dorf (1700 Einwohner, 1 Million Sommertouristen!), hier seht ihr die Hauptverkehrsstrasse, ernsthaft so breit!

 

720. Wilhelm

Ich widme die Beiträge vom Baikal meinem lieben Grossvater Wilhelm. Er wurde hier am Baikalsee, nahe Ulan-Ude, vor genau 100 Jahren anno 1917 als Kriegsgefangener interniert. Er war als einfacher Soldat der Ungarisch-Österreichischen Armee eingezogen worden, und wahrscheinlich wurde er fast ohne Ausbildung an die russische, zaristische Front geschickt. Das Lager wurde nach wenigen Monaten von den revolutionären Bolschewiken aufgelöst. Er schlug sich dann die 4000 Kilometer Ödnis durch nach Vladivostok, von wo er in der Position eines Schiffskochs die lange Seereise nach Europa schaffte. 
Er wurde Grundschullehrer, und war ein ganz lieber Mensch. Er brachte mir Knirps bei, wie man sich aus Weidenstöckchen Melodiepfeifen schnitzt. Das kann ich heute noch!

5. März 2017

719. Doppelt verschlüsselt

Ein bekanntes Bonmot des grimmigen Winston Churchills über Russland lautet
"Russia is a riddle wrapped in a mystery inside an enigma."
Als ich gestern an der ARTFACTION am Stand einer Malerin dieses Tableau über das russische Gehörlosenalphabet sah, fiel mir dieses Zitat  ein. 

 

Für mich ist dies ein klarer Fall doppelter Verschlüsselung. Oder versteht ihr lieben  Leser ihr Gemälde dazu, ohne Hilfsmittel natürlich?

 

4. März 2017

718. Nur noch dreimal schlafen!


Sibirien, wir kommen wieder!

 

Die Landschaften und Leute Sibiriens erzeugen einen Reiz zur Wiederholungstat. Nach Yakutsk letztes Jahr geht es heuer an/auf den zugefrorenen Baikal-See. Das Eis macht die Logistik so viel einfacher, denn statt die 600 km Umweg an der Küste zu fahren, nimmt man einfach die Abkürzung quer über das Eis! Und dieser Umweg auf Festland wäre im Sommer kein Honigschlecken, sondern ginge streckenweise eher über Waldwege.

Zur Einstimmung poste ich schon mal drei Videos, die uns auch zu diesem Ausflug inspiriert haben (das dritte allerdings nur sehr indirekt!). Die Musik von Natalia Vlasevskaya von ETHNOBEAT können wir vielleicht an unserem ersten Abend dort sogar live hören!



Und die Unter-dem-Eis-Perspektive der Baikal-Taucher werden wir definitiv versuchen zu vermeiden. Schon der blosse Gedanke daran lässt mein Gekröse verkrampfen ...
Aber die Gaudi auf dem Eis ist perfekt!



Fun Fact: Man kann im Baikal-See auch schwimmen!



We keep you posted.

824: „Muß di ni argern, dann geit di dat goot“

Sinnspruch an der Wand des Glücklichen Matthias : Darunter schmeckte uns Pannfisch und Schlemmerteller (nein, nicht der vom Horst!).  Danach...